Woodwalkers Fanfiction III (Gefrognapt) Teil 8 / Ende

von Liesa, 18 Jahre


 

Kapitel 14 – Pauline

Danach mussten wir alles für den Rückweg klarmachen. Einige Schüler hatten sich an den herumfliegenden Glasscherben verletzt, aber sonst waren alle wohlauf.

‚Soll ich irgendwen verarzten?‘ fragte die Schneewölfin. ‚Ich habe mal ein Praktikum im Krankenhaus gemacht, ich glaube, Schnittwunden müsste ich hinbekommen. Allerdings bräuchte ich dafür etwas Verbandsmaterial…‘
‚Falls niemand stark blutet, würde ich das gerne auf später verschieben, entgegnete Lissa. Jetzt müssen wir erstmal sehen, dass wir zurück zur Clearwater High kommen.“
Die beiden Vögel wies sie an, unterdessen bei Sarah Calloway Bescheid zu sagen, dass die Vermissten gefunden wurden.
James Bridger betrachtete unterdessen Logan, der immer noch mit schreckgeweiteten Augen auf dem Boden lag, inmitten von Scherben. Er schien bei Bewusstsein zu sein, aber er rührte sich nicht. Wahrscheinlich konnte er gar nicht richtig fassen, dass jetzt alles zu Ende war. Jetzt kam es ganz darauf an, ob der Trank wirkte oder nicht. Und wer weiß, ob er sich nicht auch den Kopf angestoßen hatte, als er zu Boden geworfen wurde.

‚Wir sollten ihn zur Beobachtung mit in die Clearwater High nehmen, meinte Bridger schließlich. Und am besten auch noch eine kleine Probe vom Trank, falls das geht. Das Meiste ist allerdings verschüttet, befürchte ich. Aber so kann er wenigstens keinen weiteren Schaden anrichten...‘
Lissa stimmte ihm zu. ‚Brandon, kannst du ihn auf deinem Rücken tragen? Und Pauline, passt du auf, dass er nicht runterfällt? Oder auch runterspringt?‘
Ich grinste. „Wenn ich dafür reiten darf…“
Und so kam ich zu meinem allerersten Bisonritt. Es war irgendwie ulkig. Ich war noch nicht oft geritten, eigentlich bisher nur als Hamster auf Felines Rücken. Die Bewegungen des Bisons waren jedoch ganz anders als die einer Katze. Mit den Beinen hielt ich mich fest, und mit den Armen hinderte ich Logan am runterrutschen. Er machte keine Anstalten, wegzulaufen. Stattdessen hing er schlaff herum. Ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, ob er überhaupt noch bei Bewusstsein war.

Den felligen Geruch war ich ja mittlerweile gewöhnt, aber bei diesem Ritt fiel er mir wieder ganz besonders auf. Öfter mal musste ich tiefhängenden Zweigen ausweichen und jedes Mal entschuldigte sich Brandon: „Sorry. Bin es nicht gewöhnt, jemanden auf dem Rücken zu haben.“ Irgendwie süß.
Ich und Logan waren übrigens nicht die einzigen, die getragen wurden. Henry hatte es sich auf dem Rücken seines besten Freundes Frankie bequem gemacht, Juanita durfte auf dem Kopf des Pumas sitzen und die Kellerassel wurde von unserem Beo durch die Gegend geflogen.
Naja, aber ich war wohl die einzige, die dabei arbeiten musste.
Auf halber Strecke fing Logan an zu schwitzen und zu zittern. Ich dachte zuerst, dass es die Auswirkungen des Schocks waren, doch die Schneewölfin meinte, dass ein Schock noch etwas anders aussah. Und so gruselig ich es fand, die wahrscheinlichste Möglichkeit war, dass seine Attacke am Trank lag. Als ich seinen Kopf zurück in die Mitte schob, stellte ich fest, dass er auch ganz heiß war. Besorgt sehnte ich die Clearwater High herbei. Obwohl so ein Bisonritt schon ziemlich cool war…

Als wir endlich zurück waren, wurde Logan direkt in die Krankenstation gebracht. Obwohl alle todmüde waren, brauchten die meisten lange, bis sie endlich schliefen. Aber dann war es bis zum späten Vormittag völlig ruhig in der Clearwater High.

Dankenswerterweise bekamen wir den nächsten Tag frei. Avary, Feline und ich nutzten die Zeit, um unserem Widersacher auf der Krankenstation einen kleinen Besuch abzustatten. Von Sherri hatten wir gehört, dass nun auch in unregelmäßigen Abständen Krämpfe dazugekommen waren. Jeder, besonders wohl er selber, war froh, wenn er danach völlig erschöpft einschlief.

Leise, um niemanden zu stören, traten wir durch die Tür der Krankenstation.
Logan sah schlimm aus, wie er da lag und schwitzte. Ein bisschen – ich konnte es nicht verhindern – tat er mir leid.
„Aber nur kurz, ja? Er braucht viel Ruhe, wenn er wieder gesund werden soll“, mahnte Sherri Rivergirl, bevor sie uns allein ließ. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es ihr genauso ging wie mir: eine Mischung aus Mitleid und „geschieht ihm Recht“.

Logan hatte gerade einen seiner wachen, aber ruhigen Momente. Aus geröteten, müden Augen sah er uns an, hatte aber kaum genug Kraft zu sprechen, geschweige denn irgendwas zu machen. Er versuchte es trotzdem. Was dabei herauskam, war ein Krächzen, das sich ein bisschen wie „hallo“ anhörte.
„Hallo“, sagte Feline. Kurze Pause. „Ich schätze mal, zu fragen, wie es dir geht, ist überflüssig, oder? Man sieht es dir ziemlich genau an.“
Logan stöhnte.
Feline seufzte. „Weißt du“, sagte sie dann. „Das irrsinnige an der ganzen Sache ist: Diese Aktion hat dich einer Bremse tatsächlich ähnlicher gemacht, wenn auch nicht so, wie du es vielleicht geplant hast. Trotzdem, das ist keine Entschuldigung dafür, und erst recht keine Ermutigung so etwas wieder zu machen!“
Hätte er gekonnt, hätte Logan jetzt sicherlich das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, aber er konnte es nicht. Stattdessen wurde er von einem neuerlichen Krampf geschüttelt und verlor das Bewusstsein.

Ebenso leise, wie wir gekommen waren, gingen wir wieder aus der Tür hinaus, sagten Sherri Bescheid und gingen zurück zum Unterricht.

Die Tage und Stunden verstrichen, doch es wurde nicht besser. Im Gegenteil, die Krämpfe wurden sogar mehr und der Junge war seltener bei Bewusstsein.

Einmal hörte ich Sherri Rivergirl zu Lissa Clearwater sagen, wenn das so weiterginge, müsse der Junge wirklich ins Krankenhaus. Das schockte mich dann doch etwas, obwohl ich es schon irgendwie geahnt hatte. Das Problem war nur, dass wir nicht wussten, was wir sagen sollten. "Der Junge hat versucht, sich selbst in eine Mücke zu verwandeln, weil er eifersüchtig auf seine Schwester ist, die das zufälligerweise kann?“ Wohl kaum.

Doch dann war Freitag. Und der Tag brachte Erleichterung.

Als Sherri am Morgen bei Logan hereinschaute, war er zwar dürr und ausgelaugt, aber er war wach und sagte, dass er sich ganz leicht fühlte und außerdem einen Mordshunger hatte. Sherri brachte ihm etwas Leichtes zum Knabbern und etwas Brei, schließlich musste sich sein Bauch erst wieder an feste Nahrung gewöhnen. Und gegen Mittag passierte es schließlich.
Logan verwandelte sich.

***
Kapitel 15 – Feline
***

Ich war froh, dass ich nicht dabei gewesen war, denn Augenzeugen zufolge war es scheußlich, dem Jungen bei seiner ersten Verwandlung zuzusehen.
Und dann summte er durch die ganze Schule und lachte jeden aus, der ihm entgegenkam und rief: ‚Ha, seht ihr? Keiner hat mir geglaubt, aber jetzt bin ich hier!‘
Na gut, er versuchte es. Aber er war einfach noch zu ausgelaugt von den letzten Tagen. Und so war es ein leichtes für Sherri, die kleine Mücke einzufangen und sie wieder in die Krankenstation zu setzen. "Du bleibst hier schön erstmal unter Beobachtung!", bestimmte sie.
Lissa Clearwater war sichtlich erleichtert, dass es Logan wieder besser ging. Natürlich waren noch längst nicht alle Probleme aus der Welt geschafft, aber die Übrigen waren lösbar.

"Hm, Lasagne!" Fröhlich ließ Avary sich auf ihren Platz in der Cafeteria fallen. "Ich liebe Lasagne!"
"Joa, is ganz lecker", nuschelte ich mit halbvollem Mund und sah in der Cafeteria umher. Erst als ich merkte, nach wem ich unbewusst Ausschau hielt, seufzte ich und konzentrierte mich wieder auf meinen Teller. Dennoch konnte ich nicht verhindern, dass mein Blick doch wieder zur Tür wanderte. Und da war er.
Logan stand scheu am Rande der Cafeteria, klammerte sich unsicher an sein Tablett.
Und das sollte der Junge sein, der mich noch vor gar nicht allzu langer Zeit skrupellos entführt hatte?!?
Sein Blick traf meinen und energisch wandte ich mich ab. Doch aus den Augenwinkeln sah ich, dass er direkt auf unseren Tisch zukam. Na toll.
"Is‘ hier noch frei?"
"Na klar", sagte Pauline und gleichzeitig brummte ich mürrisch: "Nein."
Leider war Pauline lauter als ich und so ließ sich der unverschämte Junge, der sein Selbstbewusstsein jetzt anscheinend wiedergefunden hatte, neben mir fallen.
Schweigend aßen wir eine Minute, dann sagte Logan: "Feline... Es tut mir leid."
Ich zog eine Augenbraue hoch.
"Ich habe mich idiotisch verhalten."
"Ach nee."
"Aber es hat sich gelohnt!"
Ich zog die andere Augenbraue auch noch hoch.
"Ich hoffe, du kannst mir irgendwann vergeben."
Ich brummte unwirsch. "Hast du dich auch schon bei Henry entschuldigt?", fragte ich.
"Nein", sagte Logan ehrlicherweise.
"Dann tu das. Ich meine, du weißt schon, dass eine Entführung eine ziemlich schwere Straftat ist - besonders eine geplante?"
"Ja", sagte Logan. "Ich werde mich auch noch bei dem Froschwandler entschuldigen." Ich glaubte, ein Grinsen in seiner Stimme zu hören. "Aber Ladys first. Und außerdem war das mit dem Frosch nicht ganz geplant. Die Idee kam mir erst, als ich ihn da sitzen sah."
Ich schnaubte wieder.

Gedankenverloren ging ich durch die Schule. Ich achtete kaum darauf, wo ich hinging, sondern dachte angestrengt über Logan nach und was er getan hatte. Irgendwie konnte ich ihn ja verstehen. Ob ich an seiner Stelle wohl ähnlich gehandelt hätte? Und hey, er hatte sich immerhin entschuldigt. Obwohl es irgendwie abgedroschen wirkte, wie aus einem guten Roman geklaut. Oder nee, wohl eher aus einem schlechten.
Auch wenn ich es eigentlich nicht wollte, ich musste mit ihm reden. Wo er war, wusste ich ziemlich genau: für das, was er getan hatte, hatte er ziemlich viele Strafarbeiten aufgebrummt bekommen und jetzt gerade war Kartoffelschälzeit.
Zögerlich machte ich mich auf den Weg zur Küche.
Ich wusste, dass Logan mich gehört haben musste. Seit seiner Verwandlung wurden auch seine Sinne noch besser, auch wenn es Monate dauern würde, bis sie ihr volles Potential entfaltet haben würden.
Ich sah, dass Logan grinste.
Ja, er hatte mich gehört und er wusste, dass ich hier an der Tür stand und nicht recht wusste, was ich sagen sollte.
"Hi", sagte ich.
"Hi", antwortete Logan, ohne aufzusehen oder mit dem Schälen aufzuhören.
Ich seufzte. "Ich wollte nur sagen... es tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe."
"Tja", entgegnete er, "ich schätze, du hattest deine gerechte Strafe. Aber wenn du unbedingt willst..." Er legte das Messer hin, nahm eine Kartoffel... und warf sie mir zu. Einen Moment lang war ich zu überrascht, um zu reagieren, doch dann meldeten sich wieder meine Instinkte, und in letzter Sekunde fing ich die Kartoffel auf.
„Okay", sagte ich, etwas überrascht. Dann nahm ich mir tatsächlich ein Schälmesser und fing an, die Kartoffel zu bearbeiten. Dann fragte ich: "Du... wie bist du eigentlich auf das Rezept gekommen? Ich meine, sowas fliegt ja schließlich nicht in der Luft rum, oder?"
Logan lachte leise. "Schön wär's", sagte er. "Hey, aber plötzlich interessierst du dich dafür, oder wie?"
Ich zuckte verlegen mit den Schultern. "Naja... ich denke ja nur... Ach, weißt du, eigentlich hast du mich ja regelrecht gezwungen, mich damit zu beschäftigen!"
Wieder lachte dieser dreiste Junge: "Wenn du dich recht erinnerst, ich habe dir ganz freundlich mein Geheimnis anvertraut!"
Ich dachte einen Moment lang nach. Dann hielt ich inne. "Ganz ehrlich? Ja, ich kann verstehen, dass du nach einer Möglichkeit gesucht hast, ein Wandler zu werden. Aber ich finde, nicht mit allen Mitteln. Nicht über Leichen. Hier ist deine gerechte Strafe, naja, ich habe ja kein Jura studiert, aber ich finde, eigentlich ist Kartoffelschälen zu mild. Aber was solls. Viel Spaß!" Mit diesen Worten pfefferte ich energisch mein Schälmesser und die angefangene Kartoffel auf den Tisch, drehte mich um und ging. Das „hey, sowohl du als auch der Froschwandler leben noch! Von wegen, Leichen!“ hörte ich schon nicht mehr.

***
Kapitel 16 - Avary
***

Logan ging jetzt in unsere Klasse.
Am Anfang war alles etwas schwierig: Logan hatte enorme Probleme mit dem Verwandeln, nicht nur, dass das Steuern für ihn schwierig war, er hatte auch ziemliche Schmerzen dabei. Er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, aber es war kaum zu übersehen, wie er anfing zu schwitzen und das Gesicht zu verziehen, wenn er sich verwandelte.
Es traute sich aber keiner, etwas darüber zu sagen oder ihn gar auszulachen. Das lag vor allem an Tayo, der jedem bedrohliche Blicke zuwarf, der so wirkte, als könne er sich kaum noch zurückhalten. Er und Rick waren die einzigen, die mit Logan über seine Schwierigkeiten lachen durften. Aber nur, wenn er es nicht gerade versuchte. Wenn eine Lachhyäne lacht, ist es nämlich nicht leicht nicht mitzulachen und wenn man lacht, kann man sich noch schlechter (oder gar nicht mehr) verwandeln.
Mit der Zeit wurde jedoch alles irgendwie normaler. Wir gewöhnten uns an die Mücke in unserer Klasse. Wusstet ihr, dass Mückenjungs gar nicht stechen können? Das machen nämlich nur die Weibchen.
Und noch etwas veränderte sich.
"Hey, Avary! Wie schön, dass du mal wieder anrufst!" Automatisch musste ich lächeln, als ich die Stimme meines Vaters hörte.
"Hey", sagte ich. "Wie gehts, wie stehts?"
"Gut", antwortete Papa. "Sehr gut sogar. Du wirst es nicht glauben, aber Robert hat es geschafft, Anita klarzumachen, was sie alles verpasst, wenn sie so tut, als wäre sie ein ganz normaler Mensch.“ Er lachte, es klang irgendwie gelöst. Kein Wunder, es war schließlich ein tonnenschweres Gewicht von ihm abgefallen. „Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung, wie er das gemacht hat. Aber er ist ein guter Redner, so viel steht fest.“

Ich lächelte. Ja, uns hatte er auch geholfen. Vielleicht sollten wir ihn mal einladen.

-Ende-

 

 
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