Woodwalkers Fanfiction III (Gefrognapt) Teil 3

von Liesa, 18 Jahre


 

Kapitel 4 - Avary

Ich war wütend. Ich konnte nicht sagen wieso, aber ich war wütend. Ich konnte auch nicht sagen, warum ich den Jungen nicht mochte. Der Blick war eigentlich nur die halbe Wahrheit, es war mehr so ein unerklärliches Gefühl von Misstrauen. Und bisher hat mein Gefühl immer Recht behalten.
Schweigend aßen wir unsere Teller leer. Das Essen schmeckte gut, zweifelsohne. Genauer gesagt war es die beste Lasagne, die ich seit langem gegessen hatte. Trotzdem fühlte sich die Stimmung irgendwie drückend an, wie vor einem Gewitter.
Hinterher nahm der Wirt Papa mit in seine Privatwohnung, die sich direkt über dem Restaurant befand. Er wollte ihm wohl irgendetwas zeigen. Meine Mutter aß noch ein Vanilleeis zum Nachtisch und wir bekamen alle Schokobecher. Auch die waren purer Genuss. Trotzdem, Feline und ich schwiegen uns immer noch an, während Pauline versuchte, einen guten Eindruck auf meine Mutter zu machen. Das war vielleicht das Lustigste am ganzen Nachmittag.

Erst als wir wieder im Auto saßen, besserte sich die Stimmung etwas. Das war vor allem Paulines Verdienst. Sie saß in der Mitte und ließ uns erst eine Weile schweigend aus dem Fenster starren, bevor sie anfing, verschiedene Rätselspiele zu erklären und uns dazu zu überreden, ein paar davon zu spielen. Und bis wir nach einer knappen Stunde bei mir zu Hause ankamen, war der Junge aus dem Restaurant vergessen.

Ich war lange nicht mehr Daheim gewesen, und so war es ein seltsames Gefühl, wieder in meinem vertrauten Zimmer zu stehen und aus dem Fenster den Baum zu sehen, wo Pauline sich damals verheddert hatte. Wie lange das schon her war. Zeitlich gesehen gar nicht mal so sehr, aber gefühlsmäßig kam es mir vor wie eine Ewigkeit.
Caroline maunzte und sprang aufs Fensterbrett. Sie war stark gewachsen seit wir sie da draußen gefunden hatten. Gedankenverloren strich ich durch ihr schwarz-weiß getigertes Fell. Caroline ließ sich das genau sechs Sekunden schnurrend gefallen, dann schlug sie mit der Pfote nach meiner Hand, die ich schnell wegzog. Caroline machte einen großen Satz auf meinen Schreibtisch, wo sie sich zum Schlafen einrollte.
Hinter mir bauten gerade meine Freundinnen ihre Nachtlager auf.
Papa kam rein und machte irgendeinen lustigen Kommentar zu Paulines Methode ihr Bett zu beziehen, diese lachte und alberte kurz mit ihm herum und schließlich kam er zu mir ans Fenster.
„Es ist schön, dich mal wieder zu Hause zu haben“, meinte er.
Ich nickte lächelnd. „Find ich auch“, sagte ich.
„Also… ich denke mal, ihr wollt ja bestimmt ganz viel zusammen machen diese Nacht, aber hättest du auch Lust, vielleicht mal wieder eine kleine Runde mit mir zu fliegen?“ Er fuhr sich durch seine schwarzen Haare.
„Super gerne“, antwortete ich und meinte es auch so.

Zu fliegen ist das schönste auf der Welt.
Bei Nacht zu fliegen die Krönung des Ganzen.
Durch den Flugstaffelunterricht bei Lissa Clearwater persönlich hatte ich einiges an Übung gewonnen und so rauschten wir im Slalom zwischen Bäumen durch, flogen die Straßen entlang, steil nach oben, einen Looping und im Sturzflug nach unten. Jauchzend flogen wir um die Wette. Ich war schneller geworden und so schaffte ich es tatsächlich einmal zu gewinnen.
Ausgelassen drehten wir eine große Runde über unsere Heimatstadt, dann flogen wir zurück nach Hause auf unser Dach.
‚Boah, das hat echt Spaß gemacht‘, verkündete ich mit glänzenden Augen.
Auch mein Vater sah richtig glücklich aus.

Leise schlichen wir uns wieder ins Haus, doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Denn meine Mutter saß angezogen am Abendbrottisch und starrte nachdenklich vor sich hin. Als sie uns kommen hörte, sah sie auf und lächelte.
"Hey, meine Kleine", begrüßte sie mich liebevoll, stand auf und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Dann wandte sie sich an meinen Vater, gab ihm ebenfalls einen Kuss. "Hattet ihr eine schöne Flugrunde?", fragte sie uns.
Ich nickte ungläubig und starrte sie an, als würde ich sie zum ersten Mal sehen. Was irgendwie auch der Fall war, jedenfalls hatte ich sie noch nie so gesehen wie jetzt. Ich musste mir immer wieder bewusst machen, dass auch sie ein Woodwalker war. Auch wenn sie das so wunderbar zu leugnen versuchte - jedenfalls normalerweise. Sonst fragte sie nie danach, wie wir unsere Nacht verbrachten. Eigentlich war es ein offenes Geheimnis, dass wir wach waren, denn obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass sie insgeheim von unseren nächtlichen Tätigkeiten wusste, tat meine Mutter stets so, als wären wir eine ganz normale Familie, die die ganze Nacht im Bett lag. Bis jetzt.
Und dann tat sie noch etwas, mit dem ich nie gerechnet hätte. Sie fragte, an Papa gewandt: "Würdest du noch eine Runde fliegen? Mit mir?"

Natürlich waren meine Freundinnen auch noch wach, als wir wiederkamen. Sie saßen gerade auf Paulines Luftmatratze, futterten Chips und schauten ein Video auf ihrem Smartphone.
Ich ließ mich hinter sie fallen und schnappte mir die Chipstüte.
"Ihr glaubt nicht, was gerade passiert ist", begrüßte ich sie.
"Ist ein Baum explodiert und zu einem Einhorn geworden?", fragte Pauline ohne aufzusehen und angelte blind nach der Tüte, die ich schnell außer Reichweite hielt, sodass sie gezwungen war, aufzuschauen.
"Nein", sagte ich. „Naja, im übertragenen Sinne schon, aber nein.“
"Was denn?", fragte Pauline und stoppte das Video.
"Meine Mutter hat meinen Vater gefragt, ob er eine Runde mit ihr fliegen will", sagte ich.
"Ja und?", fragte Feline. "Deine Eltern sind doch beide Wandler, oder nicht? Da können sie doch mal zusammen fliegen?"
Ich seufzte. "Meine Eltern haben noch nie etwas zusammen in ihrer Fledermausgestalt gemacht. Jedenfalls nicht, seit ich vier war und Mama sich einmal verwandeln musste, um sich aus einer Höhle zu befreien", erklärte ich. "Aber das zählt wohl nicht richtig. Also, was könnte meine Mutter dazu gebracht haben, auf einmal meinen Vater zu fragen, ob er mit ihr spazieren fliegen will?"
"Vielleicht hat sie endlich eingesehen, dass das Woodwalker-Gen eine Gabe es, bei der es Verschwendung wäre, sie nicht zu nutzen?", vermutete Pauline. "Also hey, gönn‘s den beiden. Ich wette, dein Vater ist richtig glücklich, mal mit seiner Angebeteten durch die Nacht sausen kann. Die machen ihr Programm und wir unseres."
Ich gab mich geschlagen. „Und“, fragte ich, „wie verbringen wir den Rest der Nacht?“
Pauline legte das Smartphone neben sich und grinste. „Na mit Spaß haben, womit denn sonst?“

***
Kapitel 5 - Pauline
***

Es war gerade später Nachmittag, als ich den Schrei vernahm.

„Alarm! Alarm!“ Aufgeregt flatterte mein Klassenkamerad durch die Gänge.
Verwirrt sah ich ihn an. „Hey, was ist denn?“
„Alarm! Alarm!“, schrie der Beo noch einmal.
Dann wechselte er in Gedankensprache. ‚Da ist so ein Junge, der alle mit einem Messer bedroht. Ein Mensch übrigens.‘
Noch während er berichtete, flog er zu dem blauen Knopf an der Wand, der zwischen zwei Selbstportraits von irgendwelchen Schülern an der Wand hing, und drückte ihn mit den Krallen. Dann flog er weiter, um die anderen auch zu warnen.

Einen Moment lang stand ich stirnrunzelnd da und kapierte gar nichts. Dann kam mir eine Gruppe von Schülern entgegengelaufen und ich hörte Bill Brighteye rufen: „Runter mit dem Messer!“ Und ich wusste, wenn Bill sich der Sache angenommen hatte, würde der Junge keine Chance haben.
Also ging ich – neugierig wie ich bin – in die Richtung, aus der das alles kam. Hinter mir hörte ich ein: ‚Sag mal, spinnst du?!?‘, doch ich achtete nicht weiter drauf, sondern spähte um die Ecke. Dort, in der Pausenhalle, hatte Bill Brighteye gerade dem Jungen das Messer entwendet und hielt ihn am Boden fest.
„Was willst du?“, hörte ich ihn fragen.
„Das verstehen Sie eh nicht!“, hörte ich ihn rufen. Und als ich seine Stimme hörte, erkannte ich ihn auch. Es war Logan.
Erschrocken beobachtete ich, was weiter geschehen würde.
„Das ist eine Standardantwort, die ich so nicht gelten lassen werde. Was hattest du hier vor?“
Logan versuchte relativ erfolgslos sich umzudrehen. „Wenn ich es ihnen sage, glauben Sie es mir eh nicht“, entgegnete er wütend. „Bisher hat mir noch niemand geglaubt!“
Brighteye ließ sich von der Wut des Jungen nicht schocken, wie es seine Art war. „Ich warte?“
Einen Moment lang passierte nichts. Logan lag wütend auf dem Boden und schnaufte und Brighteye hielt ihn fest. Dann hörte ich Schuhe auf dem Boden klackern und Lissa Clearwater kam um die Ecke. Sie fragte Bill Brighteye, was passiert war und er erklärte es ihr.
Dann wandte sie sich an Logan. „Wir versprechen dir, dass wir nicht lachen oder dich für verrückt erklären werden“, sagte sie. „Aber du musst uns sagen, was du hier wolltest.“
Logan antwortete so leise, dass ich nicht hörte, was er sagte. Ich sah nur, wie Lissa nachdenklich nickte, sich kurz mit Bill Brighteye absprach und dann zu dem Jungen sagte, dass sie seine Personalien nehmen und ihn dann gehen lassen würden. Ich fühlte mich wie in einem Krimi.
Die nächste halbe Stunde wurde dann allerdings ziemlich langweilig. Es passierte nämlich - rein gar nichts. Also entspannten wir uns wieder und ich ging Avary und Feline suchen. Ich fand sie in der Cafeteria, wo sie sich angeregt unterhielten. Als Feline mich bemerkte, sprang sie auf und kam zu mir gelaufen.
„Gut, dass du da bist, ich muss dir dringend was erzählen!“, begrüßte sie mich aufgeregt.

Fünf Minuten später wusste ich, was Logan in der Schule gewollt hatte.
„Ein Zaubertrank, um sich in einen Woodwalker zu verwandeln? Meinst du, er brauchte irgendeine spezielle Zutat oder so? Wie in so ‘nem richtigen Zaubertrank? Gebratene Froschschenkel?“
„Also ich weiß nicht, Froschschenkel vielleicht nicht. Aber bestimmt DNA von einem Woodwalker oder so.“
„Aber“, gab Feline zu bedenken, „die würde er doch auch zu Hause bekommen! Ein ausgefallenes Haar, Fingernägel, Hautschuppen…“
Ratlos blickten wir uns an. „Ist er noch in der Schule?“
Ich nickte. „Ich glaube schon. Mrs Clearwater hat ihn mit in ihr Büro genommen und bisher habe ich ihn noch nicht wieder rauskommen sehen.“
Feline sprang wieder auf. „Dann kommt, vielleicht erwischen wir ihn noch!“
Ich stand etwas langsamer auf. „Und was willst du dann machen?“, fragte ich sie.
Etwas bedröppelt sah Feline mich an. „Ich weiß nicht genau“, gab sie zu. „Aber wenn ich ihn sehe, fällt mir bestimmt was ein!“ Schon lief sie los, und wir hinterher.
Doch wir kamen zu spät. Als wir zur Eingangshalle kamen, ging Logan gerade raus. Oder besser gesagt, er rannte. Er rannte, als wären zwanzig Wildschweine hinter ihm her. Keine Chance, da hinterher zu kommen, nach ein paar Sekunden war er im Wald verschwunden.
Beinahe wäre alles wieder normal geworden. Wie gesagt, beinahe.
Aber am Abend stellte ein Otter-Wandler aus dem Schuljahr über uns fest, dass ein Schüler verschwunden war.

 

 
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