Woodwalkers Fanfiction III (Gefrognapt) Teil 2

von Liesa, 18 Jahre


 

Kapitel 2 – Pauline

Es war eine chillige Zeit.
Meiner Meinung nach müsste jede Schule so sein wie die Clearwater High: Keine Hausaufgaben und wenn man lernt, dann entweder um gute Noten zu bekommen und die Zwischenprüfungen zu bestehen – oder weil es einem später mal das Leben retten könnte (wie einige Lektionen in Verwandlung, Verhalten in besonderen Fällen, oder – wie der Name schon sagt – in Kampf und Überleben). Und alternativ kann man natürlich auch lernen, weil man wissensdurstig ist und sich für ein bestimmtes Thema interessiert.
Von mir aus könnte es immer so bleiben wie jetzt.
Natürlich, immer nur Freude ist totaaal langweilig. Aber hey, dafür haben wir ja den Unterricht und die Prüfungen – und so diverse Spiele, wo man getroffen wird und am Ende wieder unversehrt aufsteht. Und Basketball.
Nein, als Woodwalker ist das Leben eigentlich recht selten langweilig. Langweilig sind bloß Mathe und Physik.
Und jetzt gerade hatte nur Avary Unterricht -kein Physik- und wir durften ihr dabei zusehen. Es war eine Art Sonderstunde. Das war ebenfalls alles als andere als langweilig.

Die Flugstaffel der Clearwater High segelte hoch oben über unseren Köpfen hinweg. Die Abendsonne lieferte die passende Beleuchtung für eine Szene, in der die geflügelten Wandler spektakuläre Kunststücke in der Luft vollführten.

‚Na, wie sehe ich aus?‘, rief Avary uns von oben zu.
‚Schaurig-schön!‘ Feline grinste frech.
Avary drehte vergnügt einige Pirouetten. Die Sonne versank hinterm Horizont.

Später chillten wir gemeinsam in unserem Zimmer. Avary lag auf ihrem Bett und checkte gerade ihre Nachrichten am Smartphone.
„Papa hat mir geschrieben“, erzählte sie. „Er lässt fragen, ob wir nächstes Wochenende gemeinsam Essen gehen und dann bei mir übernachten wollen. Ich hab zu meinem letzten Geburtstag eine Slackline bekommen. Die könnten wir mal spannen.“
Ich nickte. „Klingt cool. Lass das mal machen.“
„Aber“, gab Feline zu bedenken, „wer passt dann auf Caroline auf?“
„Ich kann Papa fragen, ob wir sie mitnehmen dürfen.“ Avary spielte mit einer Kordel ihres Kapuzenpullis.
„Ja, mach das mal“, bat ich sie und beobachtete, wie ihre Finger schnell und geschickt über den Bildschirm wischten. Ich beschloss, dass ich das auch können wollte.

Kapitel 3 – Feline

Der Ort mit dem Restaurant, wo wir essen wollten, war zwischen Avarys Zuhause und der Schule, es lag also praktischerweise quasi auf der Strecke. Avarys Eltern holten Avary, Pauline, Caroline und mich mit ihrem großen blauen Van ab.
Ich nahm Caroline auf den Schoß, weil wir keinen richtigen Katzentransporter hatten. Und sie wollte nicht schon wieder in einer Reisetasche mitfahren müssen.
Nach ein paar Stunden Fahrt hielten wir vor einem unauffälligen Haus an, das aussah, als wäre es schon ziemlich alt. Und als wir reingingen, stellte ich fest, dass es auch von innen so aussah. Wie direkt aus einem Western entsprungen, wo die Cowboys mit rauchendem Colt durch die Türen marschierten. Allerdings waren gerade keine in Sicht. Dafür stand im Eingangsflur ein junger Mann, der uns freundlich begrüßte und nach rechts durch eine massive Holztür führte.
Als er diese öffnete, wehte uns eine verwirrende Duftwolke entgegen. Ein bisschen roch es natürlich nach Essen – aber auch nach Zoo. Obwohl außer einer Mücke kein einziges Tier zu sehen war.
An den Tischen, die allesamt relativ groß waren, saßen die verschiedensten Leute und sie unterhielten sich prächtig.
Und wie ich sie so beobachtete, ging mir plötzlich ein Licht auf.
Die Leute waren allesamt Woodwalker.

Wir setzten uns an einen Tisch am Rand, wir Kinder auf die Bank und Avarys Eltern auf die Stühle uns gegenüber. Eine junge Frau kam, um uns die Karten zu bringen.
„Schon was zu trinken?“ Sie zückte ihr kleines Notizpad.
Nachdem wir unsere Getränke bestellt hatten, schlug ich das ledergebundene Heft irgendwo in der Mitte auf. „Alles für Pflanzenfresser“ stand da. Aha. Das war definitiv der falsche Teil für mich. Ich blätterte eine Seite vor. Schon besser.
Viele Gerichte unterschieden sich kaum von normalen, für Menschen gedachte. Wenn man aber genauer hinsah, merkte man, dass zum Beispiel mehr rohes Fleisch verwendet wurde. Und dann gab es auch noch die ganz speziellen Sachen wie „Insektenkruste“ (Igitt!) oder einige andere blutige Angelegenheiten.
Im Pflanzenfresserteil – weil ich neugierig war, schaute ich am Ende doch noch rein – wurde viel mit Blättern und Gräsern zubereitet. Und teilweise mit Baumrinde umrandet. Wofür das gut sein sollte, wusste ich zwar nicht, aber ich war schließlich auch kein Pflanzenfresser und manche Dinge verstehe ich immer noch nicht an ihnen.
Ich wollte gerade Pauline danach fragen, da wurde ich von einer tiefen Männerstimme unterbrochen.
„Heeey! Schön, dass du dich auch mal hier blicken lässt!“
An unserem Tisch war ein gemütlich aussehender Mann aufgetaucht, der uns freundlich anlächelte.
„Hey Robert!“ Avarys Vater hatte sich freudig erhoben und begrüßte den Mann mit einem Handschlag. Aha, die beiden schienen sich also zu kennen. Neugierig beobachtete ich die beiden Männer. Wenn man sie so sah, würde man gar nicht auf die Idee kommen, dass sie keine normalen Menschen waren. Auch wenn Robert gerade seinen Kopf unnormal weit nach hinten drehte. Wahrscheinlich war er eine Eule oder sowas.
Jetzt wendete er sich wieder uns zu: „Und, wie gefällt es euch hier?“
„Es ist sehr hübsch hier“, sagte ich höflich.
„Voll nett eingerichtet“, fand auch Avary.
„Mega cool, woher hast du diese Idee?“ Pauline sah ehrlich interessiert den netten Mann an. Dieser zuckte vergnügt mit den Schultern. „Als Mensch leben ist cool, aber anstrengend, wenn man nie das beste Essen bekommt. Und wieso nicht ein eigenes Restaurant für uns? Menschen werden in den anderen Gastraum geschickt, ein guter Freund von mir bekocht sie dort. Der Typ am Eingang passt schon auf, dass niemand etwas von diesem Teil erfährt. Er hat ein sehr feines Gespür dafür.“

„Tja, aber nicht fein genug.“
Überrascht sahen wir auf und bemerkten einen Jungen, der hinter den Gastwirt getreten war.

„Er spürt vielleicht, wer sich verwandeln kann, aber er spürt nicht, wer eingeweiht ist. Er spürt nicht einmal, wer mit Woodwalkern verwandt ist“, fügte er genervt hinzu.
„Das mag ja sein, Logan, aber wenn er dich ein paar Mal gesehen hat, wird er dich ohne Probleme durchlassen“, besänftigte Robert den Menschenjungen. „Er ist halt voll und ganz in seinem Job drin.“ Er hob den Blick und betrachtete streng die Mücke, die noch immer um eine Lampe kreiste. „Im Gegensatz zu dir, Abigail!“, sagte er zu ihr.
‚Tschuldigung‘, erwiderte diese, aber es sind doch gerade keine neuen Gäste gekommen, da dachte ich mir…‘
‚Wenn keine neuen Gäste kommen, spülst du Gläser, so wie deine Kollegin es schon die ganze Zeit tut‘, sagte Robert streng.
Brav flog die Mücke zum Tresen, wo sie sich in ein Anfang 20-Jähriges Mädchen verwandelte. Und mit einem letzten mürrischen Blick in Richtung Robert anfing, Gläser zu spülen.

Dieser wandte sich nun wieder uns zu. „Tut mir leid“, entschuldigte er sich, „aber da musste ich mal kurz ein Machtwort sprechen. Ist nicht das erste Mal, dass sie durch die Gaststube summt anstatt zu arbeiten.“
Ich nickte verständnisvoll.
„Übrigens“, fuhr er dann fort, „habt ihr eigentlich schon bestellt? Ihr sollt ja schließlich nicht verhungern in meiner guten Stube.“ Er grinste wieder fröhlich. „Die erste Runde geht aufs Haus.“
Ich entschied mich für ein Hacksteak und Cola, obwohl ich das natürlich auch in einem normalen Restaurant hätte essen können. Aber ich aß halt gerne Hacksteak, warum sollte ich da stattdessen rohe Maus löffeln?
Als wir alle bestellt hatten, ging Robert kurz in die Küche, um unsere Essenswüsche weiterzugeben. Währenddessen sah ich mich ausgiebig in dem kleinen Gastraum um.
Der Junge von vorhin, Logan, lümmelte bei der Mückenwandlerin an der Theke herum und schien mit ihr zu reden. Au weia, jetzt sah er zu mir rüber. Und setzte ein Lächeln auf. Eins mit dem man Kinder anschaut. Dabei war ich 13 Jahre alt und er garantiert nicht viel älter. Und erwähnte ich bereits, dass ich bestimmt viel reifer war als er, weil ich 1. Ein Mädchen und 2. Noch dazu ein Woodwalker war?
Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
Und das brachte ihn tatsächlich zum Lachen. Was für ein Idiot!
Kopfschüttelnd stand ich auf, um zur Toilette zu gehen.

Als ich wiederkam, lauerte Logan mir vor der Toilettentür auf. Damit hatte ich nicht gerechnet - warum eigentlich nicht? - und so blieb ich verdutzt stehen.
Er grinste frech. „Hey“, sagte er, „wie heißt du?“
„Feline“, antwortete ich skeptisch. Irgendwie war mir dieser Junge nicht ganz geheuer. Ich meine, warum lauerte er mir hier auf, nur um mich nach meinem Namen zu fragen?
„Wie du vielleicht schon mitbekommen hast, ich bin Logan.“, stellte er sich vor. „Leider menschlich als einziger in einer Familie, die aus Bremsen und Mücken besteht. Meine Schwester arbeitet hier, deshalb bin ich auch öfters anwesend. Und nie werde ich auf Anhieb reingelassen. Kacke oder?“
Ich nickte mitfühlend.
Aber warum erzählte er mir das alles? Wollte er Mitleid oder so?
„Ihr geht auf die Clearwater High, stimmt’s?“, fragte Logan. „Mein Onkel lobt diese Schule sehr, und wenn sie älter sind, sollen meine kleinen Geschwister auch dahingehen. Wie ist die Schule denn so?“ Neugierig blickte er mich an.
„Ja… gut. Eigentlich sogar sehr gut.“ Nachdenklich fuhr ich mir durch die Haare. Was erzählte man einem solchen Jungen, ohne dass er noch mehr neidisch wurde? „Es ist irgendwie eine wilde Schule – das Gebäude ist wild, die Schüler sind wild und es herrscht eigentlich immer Leben dort“, erzählte ich. „Leider haben wir auch ganz normale Fächer wie Englisch, Mathe und Geschichte, aber dazu kommen halt so Fächer wie „Sei dein Tier“ und so ‘n Kram.“ Ich zuckte betont lässig mit den Schultern.
„Was für Tiere seid ihr denn eigentlich?“, wollte er dann wissen.
„Ich bin eine Katze“, erklärte ich stolz, meine Vorsicht so langsam voll vergessend. Eigentlich redete ich total gerne über meine zweite Gestalt und bisher sah Logan einfach nur neugierig aus. Vielleicht will er einfach nur wissen, wie es sich als Wandler lebt, sagte ich mir. Seine Geschwister sind da bestimmt total einseitig beim Erzählen, wenn sie es überhaupt für nötig erachten, irgendwas zu beschreiben.
„Ein hübsches Tier.“ Logan nickte anerkennend. „Da kannst du bestimmt gut sehen im Dunkeln. Sehr praktisch.“

Ich nickte schüchtern. „Ja, das stimmt. Sag mal“, fragte ich dann, „wie ist das eigentlich bei dir: bei Woodwalkern vermischen sich ja auch in Menschengestalt die Eigenschaften der Tiere und die der Menschen…“ Ich überlegte, wie ich meine Frage am besten formulieren sollte, doch Logan ahnte wohl schon, worauf ich hinauswollte.
„Naja, einige Eigenschaften wie der Körperbau oder der typische Charakter werden natürlich schon vererbt“, erklärte er mir. „Und ich habe einen ziemlich feinen Geruchssinn. Aber es bleibt halt alles im normal-menschlichen Bereich.“
Und jetzt schien er mir sogar noch was erzählen zu wollen, denn er fragte: „Soll ich dir mal ein Geheimnis erzählen?
„Was für ein Geheimnis denn?“, wollte ich wissen.
Und er raunte mir zu: „Ich habe eine Möglichkeit gefunden, wie man Menschen mit Woodwalker-Genen in Tiere verwandeln kann.“
Äh… okay, das ging irgendwie in eine andere Richtung als erwartet. Ich zog verwirrt eine Augenbraue hoch. „Das geht nicht“, sagte ich dann. „Das kann nicht gehen.“
Logan schnaubte beleidigt. „Tut es wohl. Mir… fehlen nur noch ein paar Zutaten. Meine Schwester hat sich geweigert mir zu helfen, sie glaubt mir auch nicht. Keiner glaubt mir.“ Vorwurfsvoll blickte er mich an.
Ich zuckte hilflos mit den Schultern. „Weil es eben nicht funktioniert, das wird der Grund sein“, entgegnete ich.
Logan schüttelte den Kopf. „Du hast es immer noch nicht verstanden. Nur weil etwas auf den ersten Blick unmöglich scheint, heißt es noch lange nicht, dass es auch unmöglich ist. Menschen halten Woodwalker für unmöglich, Woodwalker halten Tripelwandler für unmöglich und allesamt halten sie es für unmöglich, dass mein Plan funktionieren könnte. Jedenfalls alle von denen, die ich eingeweiht habe.“ Er seufzte theatralisch. „Na schön, wir reden später weiter. Ich glaube nämlich, euer Essen kommt gerade.“ Er nickte in Richtung Gaststube. „Guten Appetit.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging. Ich schaute ihm noch einen Moment lang verwirrt hinterher, bevor ich mich wieder fing und mich zurück zu unserem Tisch drehte, wo tatsächlich gerade das Essen aufgetragen wurde.
Nachdenklich ging ich zu meinem Platz.

Avary nahm gerade einen großen Teller Lasagne entgegen, schaffte es aber trotzdem, mir gleichzeitig einen wütenden Blick zuzuwerfen. Die ewig muntere Pauline versuchte, alle mit ein paar grässlichen Witzen bei Laune zu halten und spielte mehr mit ihrem Gemüse als dass sie aß (meiner Meinung nach taugt Gemüse ja auch nicht zum Essen, aber das ist wohl Geschmackssache).
„Wo warst du so lange?“, fragte Avary mich, als ich mich wieder auf die Bank fallen ließ. „Das Essen wird kalt.“
„Das Essen ist doch gerade erst gekommen“, verteidigte ich mich. „Ich habe mich nur etwas mit Logan unterhalten. Das darf ich doch wohl noch, oder nicht?“
„Theoretisch schon“, lenkte sie ein. „Aber –„sie beugte sich zu mir rüber und flüsterte: „Irgendwie ist mir der Junge nicht ganz geheuer. Er guckt irgendwie so… berechnend, finde ich.“
Ich zog meine Augenbrauen hoch. „Logan ist nett“, sagte ich. „Punkt und Ende der Diskussion.“ Damit spießte ich entschlossen mein Hacksteak auf und aß.

 

 
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