Woodwalkers - Ausgefuchst (Fanfiction) 4

von Liesa, 16 Jahre


 

Kapitel 6 – Feline

Als wir endlich an der Schule angekommen waren, war es schon fast Mitternacht. Hoffentlich war Sherry um die Zeit überhaupt noch wach! Ich muss zugeben, dass ich mich mit dem Schlafrhythmus von Bibern nicht wirklich auskenne. Aber wir hatten Glück: Sherry Rivergirl war gerade dabei, eine neue Salbe anzurühren. Sherry kannte Heilkräuter besser als jeder Mensch, deshalb gab es manches nicht zu kaufen, was sie herstellte. Als wir den Raum betraten, schlug uns eine Duftwolke entgegen, die stärker als Parfüm roch.
Sherry drehte sich zu uns um und lächelte. „Guten Abend. Na, wen habt ihr denn da mitgebracht?“
„Guten Abend“, erwiderte Rick. „Ich muss ihnen etwas beichten… Ich habe Salben, Essen und Verbände geklaut. Für meinen Bruder Tomek.“ Er deutete auf den missmutig dreinschauenden Fuchs neben sich. „Aber heute konnte ich – ich meine, konnten wir, ihn endlich dazu überreden, hier her zu kommen und sich vernünftig verarzten zu lassen. Würden Sie das übernehmen?“ Er setzte seinen liebenswürdigsten Blick auf und ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich sauer auf ihn sein sollte, weil er den Ruhm auf sich lenken wollte, der eigentlich mir gebührte, oder zufrieden, weil er seinen Diebstahl gestanden hatte.
Sherry Rivergirl nickte: „Hatte mich schon gefragt, wann du damit ankommst. Gut, dass du es gestehst. Über deine Strafe soll aber Lissa Clearwater entscheiden. Um deinen Bruder werde ich mich natürlich kümmern. Weil er ein Woodwalker ist.“ Sie ging auf den Fuchs zu. „Los, rauf auf den Tisch! Und dann stillgehalten!“ Tomek gehorchte, wie es sich für einen braven Fuchs gehört.

Kurz darauf saß er mit verbundener Pfote im Büro von Mrs Clearwater, die beschloss, dass Tomek eines der Betten im Krankenzimmer bekommen sollte, bis er wieder gesund war. Beim nächsten Verbandswechsel sollte er sich außerdem in einen Menschen verwandeln (mit Verband sollte er sich nicht verwandeln, weil nicht sicher war, ob der Verband halten würde) und wenn er fit genug war, den Unterricht in der ersten Klasse besuchen.

Als das alles beschlossen war, waren die Jungs dran mit Erzählen. Tomek berichtete: ‚Wir wollten eigentlich zum Caribou-Targhee National Forest, wie er von den Menschen genannt wird, ein paar Verwandte besuchen. Aber dann stolperten wir über diese Schule und Rick war direkt begeistert. Und wir stritten uns. Doch in meiner Wut passte ich nicht richtig auf und mir passierte dieser Unfall.‘
Er knurrte. ‚Ich war allerdings zu stolz und auch noch zu wütend vom Streit, um ihn nach Hilfe zu fragen. Aber irgendwann kam er dann, um sich zu entschuldigen und mich zu bitten, meine Entscheidung nochmal zu überdenken. Als er meine Verletzung sah, schmiedete er den Plan, in der Schule Essen zu besorgen. Cleverer Bursche, muss ich zugeben. Denn so konnte ich ihm die Idee mit der Schule nicht mehr ausreden.‘ Er fletschte die Zähne in Richtung seines Bruders, der ihm prompt die Zunge rausstreckte. ‚Und heute kamen dann Feline, Avary und Pauline hinter das Geheimnis. Und Feline hat es doch tatsächlich geschafft, mich zu überreden, hier her zu kommen. Wie auch immer sie das gemacht hat.‘ Er sah mich resigniert an, was ich mit einem frechen Grinsen erwiderte.

Mrs Clearwater nickte nachdenklich. „Wissen eure Verwandten, dass ihr kommen wolltet, machen sie sich jetzt Sorgen?“
Rick schüttelte den Kopf. „Nein, sie wissen nichts davon. Unsere Verwandten leben als wilde Füchse und haben deshalb kein Internet, kein Telefon, keinen Briefkasten. Und eine Taube wollten wir nicht losschicken, weil unser Cousin gerne mal erst zuschnappt und dann drüber nachdenkt, ob das Tier vielleicht eine Nachricht überbringen sollte. Aber unsere Verwandten sind meist sehr spontan und haben deshalb auch nichts dagegen, wenn man unangemeldet bei ihnen reinplatzt. Es kann höchstens sein, dass man ein paar Tage warten muss, wenn sie gerade unterwegs sind. Aber wir haben ja Zeit.“
„Gut.“ Mrs Clearwater nickte wieder. „Dann ab ins Bett jetzt, ihr fünf. Schließlich ist morgen Schule!“
Brav trotteten wir zurück zu unseren Zimmern.
„Glaubt ihr, Tomek wird in unserer Klasse bleiben?“, fragte Pauline unterwegs.
Doch Avary schüttelte den Kopf. „Ich glaube, dazu ist er zu viel wilder Fuchs.“
Und sie sollte Recht behalten. Tomek gab sich wirklich Mühe im Unterricht, das musste man schon sagen. Er war ja auch nicht dumm, und wenn er was gefragt wurde, konnte er oft richtig gute Antworten liefern. Aber wenn wir im Klassenraum Unterricht hatten, schweifte sein Blick immer wieder zum Fenster raus und dann sah man ihm an, dass er am liebsten draußen wäre in den großen, wilden Wäldern Amerikas.
Und so war es beschlossene Sache: Als seine Pfote wieder gesund war, erklärte Tomek, dass Schule einfach nichts für ihn sei und er jetzt endlich weiterziehen wollte. Nur Rick war sich nicht sicher. Einerseits wollte er seinen Bruder nicht alleine lassen – was, wenn er sich wieder verletzen würde? Aber andererseits gefiel es ihm in der Schule richtig gut und er hatte sich bereits auf Anhieb mit Tayo angefreundet, einer Tüpfelhyäne aus unserer Klasse, mit der er sich sein Zimmer teilte. Schließlich entschied er sich für einen Kompromiss: Er würde den ersten Tag mitlaufen und dann einen Treffpunkt vereinbaren, wo er abgeholt werden konnte.
Übrigens verriet uns Rick hinterher, dass er uns schon die ganze Zeit bemerkt hatte. Eigentlich wollte er nämlich, dass das Geheimnis rauskam, damit er nicht immer klauen musste. Dafür erhielt er von Pauline einen Schubser, aber er lachte bloß und verschwand mit Tayo in seinem Zimmer.

So war jeder am Ende recht glücklich. Irgendwann würde Tomek zurück zu seinem Bruder kommen. In der Zwischenzeit würde jedoch auch noch viel passieren… Aber das soll beim nächsten Mal erzählt werden.
ENDE
Für Teil 2

 

 
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