Bärbels Blog-Eintrag vom 28. März 2008:

45 - Buch

Liebes Tagebuch
mein Wohnzimmerrückzugskorb ist in der hinteren rechten Ecke, hinter dem Sessel, direkt in der Bücherecke. Da bin ich gut versteckt und kann so eine ganze Menge machen. Heute habe ich das Lesen entdeckt. Axel war so nett, und hat direkt seine Lieblingsbücher in meine Greif- und Bisshöhe gestellt. Und von all seinen Lieblingsbüchern habe ich sein allerallerliebstes Lieblingsbuch bearbeitet. "Die Schreckensmeisterin" von Walter Moers. Ein schöner Umschlag. Ein dickes, fest gebundenes Buch. Mit vielen Buchstaben und vielen schönen Bildern. Erst einmal habe ich den Umschlag vom Buch abgerissen und im Korb versteckt. Dann habe ich mich ausführlich dem eigentlichen Buch gewidmet. Ich habe hinten, oben links angefangen. Ganz langsam habe die Ecke etwas weich gelüllert, damit ich danach vorsichtig die Ecke mit meinen kleinen Zähnchen abrunden und zerfleddern konnte.

Ich muss wirklich sagen, dass Axel in puncto Büchern Geschmack hat. Denn kaum war ich mit der Ecke fertig, wollte ich unbedingt wissen, wie die anderen Ecken schmecken. Völlig gebannt habe ich mir die nächste Ecke gegriffen. Keine Zeit mehr für sanftes Einlüllern, sondern voller Spannung musste ich einfach fest reinbeißen. Was mich da erwartet hat, war ein Feuerwerk von Gefühlen. Fest, und doch nachgiebig. Der Geschmack kam eindeutig von dem feinen Papier, mischte sich aber dennoch mit der Geschmacksnote der dunklen, derben Druckerschwärze. Wahnsinn, was hier geschieht.

Und plötzlich höre ich in meinem Geiste, wie Axel zu Michi über dieses Buch sagt: "Michael, ich könnte dieses Buch verschlingen!" Das ist Ansporn. Was Axel trotz aller Bemühungen wohl versucht, aber nicht geschafft hat, werde ich vollenden. Axel wird stolz auf mich sein. Die nächste Ecke bot noch mehr Überraschungen, die ich allerdings aufgrund fehlenden Talents nicht beschreiben kann. Nur so viel: ein erster fester Biss in die untere Ecke, und ich hielt inne. Das heißt: ich war so überwältigt, dass ich weder weiterbeißen, weiteratmen oder weiterdenken konnte. Die Welt blieb stehen. Mir kam es vor, als ob ich stundenlang so da gesessen habe. Zwar wollte ich unbedingt weiterkauen, konnte aber nicht, so gefesselt war ich von dieser Ecke. Versteinert saß ich da, als sich mir ein großer Schatten näherte. Ich spürte weder Angst noch den Wunsch zu fliehen. Ich wollte einfach nur so dasitzen. Doch der Schatten wurde größer und größer.
Fortsetzung folgt...

Gute Nacht
Deine Bärbel


 

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