Der letzte Tag
von Bianca, 13 Jahre
Ich hatte einmal eine sehr nette Nachbarin, die ich gerne besuchte. Wir kannten uns schon lange, eigentlich seit ich ein kleines Mädchen war.
Diese Nachbarin war schon über 80 Jahre alt und hatte trotzdem noch Spaß am Leben. Sie konnte zwar nicht mehr so schnell laufen, ihr tat vieles weh und sie musste gut auf sich aufpassen. Deshalb half ich ihr oft.
Sie war sehr bescheiden, denn manchmal hatten ihr nur ihre beiden Wellensittiche gereicht, um sie aufzumuntern. Oder ich - denn ich kam ja auch oft vorbei.
Ich dachte niemals darüber nach, dass eines Tages, auf einen Schlag und von Heute auf Morgen einfach alles vorbei sein könnte.
Natürlich war meine Nachbarin sehr alt gewesen und mir war auch klar gewesen, dass jeder einmal sterben muss. Doch selbst wenn man das weiß, ist es doch seltsam, wenn dann ganz unerwartet der Tag kommt, vor dem man sich so lange gefürchtet hatte. Meine Nachbarin hatte zwar hin und wieder gesagt, dass sie manchmal einfach am liebsten sterben würde und an manchen Tagen, an denen ihr es schlecht ging, gerne einfach nicht mehr aufgewacht wäre. Doch ich ging nie auf solche Gespräche ein, weil ich wusste, dass ich dazu sowieso nicht viel sagen konnte. Das hat sie bestimmt auch gemerkt, weil sie dann lieber zu anderen Themen gekommen ist.
Es war an einem wunderschönen Sommermorgen, als meine Mutter, die hin und wieder meiner Nachbarin ein bisschen geholfen hat, das Frühstück zu machen, zu mir kam und ungewohnt niedergeschlagen aussah. Sie blieb einen Moment in der Tür stehen, bevor sie dann zu erzählen begann, dass unsere Nachbarin im Sterben lag.
Ich dachte, es wäre schon vorbei. Doch es sollte nicht so sein.
Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn waren Tag und Nacht bei ihr, um sie auf ihrem schwierigen Weg zu begleiten. Sie atmete sehr trocken und schlug nicht einmal die Augen auf. Jeden Tag wurde der Atem schwerer, die arme alte Frau lag nur in ihrem Bett. Ich ging immer wieder zu ihr hinüber, hielt es aber nie lange aus.
Ich weinte viel, als sie dann nach vier Tagen endgültig gestorben war. Es hat so weh getan, weil einfach jemand aus meinem Leben verschwand, den ich so gern gehabt hatte. Einfach weg, ohne mir etwas dazulassen. Ich konnte und wollte nicht begreifen, warum schon jetzt.
Mittlerweile ist mir klar geworden, dass meine ehemalige Nachbarin nun erlöst ist, von allen Schmerzen und Altersschwächen. Vielleicht ist sie jetzt glücklich, da, wo sie jetzt ist.
Es tut immer noch weh, aber ich kann auch auf sie verzichten, wenn ihr es woanders gut geht.
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