Meine Schwester und ich
von Chrissi, 12 Jahre
Hier ist eine Geschichte von mir, zum Nachdenken.
Meine Schwester ist 15 Jahre alt, sie heißt Katja. Wir streiten uns sehr oft und sehr doll. Das sind Momente, wo ich sie am liebsten auf den Mond schießen würde. Erst letztens war wieder so ein Moment. Katja hat meiner allerbesten Freundin verraten, dass ich in ihren Freund verliebt war.
"Du willst mir meinen Freund klauen?!", schrie meine Freundin mich dann am nächsten Tag an. "Auf so eine Freundin kann ich verzichten!"
Jetzt hatte ich also meine allerbeste Freundin verloren. Ich wurde furchtbar wütend auf Katja. Alles wegen ihr! Ich ging nach Hause und wollte ihr mal ordentlich eine Standpauke halten. Als Katja mir dann die Tür aufmachte, legte ich auch gleich los. Ich beschimpfte sie mit den schlimmsten Schimpfworten und steigerte mich so in meine Wut hinein, dass ich anfing auf sie einzuprügeln. Aber Katja ist von Natur aus ein sanftes Wesen, und machte nichts. Erst als ich sie an der Nase traf, schubste sie mich zurück. Ein Blutschwall spritzte mir entgegen. Katja schluchzte und rannte weg. Fassungslos schaute ich ihr nach. Was hatte ich getan? War ich ein Monster? Ich lief ihr nach. Aber Katja hatte sich schon in ihr Zimmer eingeschlossen und weinte schrecklich. Ich klopfte an ihre Tür, sie machte aber nicht auf.
Die nächsten Tage redete sie nicht mit mir, sie aß sehr wenig. Meine Mutter schaute mich böse an. Ich war zu weit gegangen. Als ich mich wieder bei ihr entschuldigen wollte, drehte sie sich weg von mir. Meine Mutter kam vorbei und meckerte mich an, ich solle mich endlich mal entschuldigen. So langsam regte mich das Ganze auf und ich stieß Katja gegen die Wand.
"Warum hörst du mir nicht zu?!! Ich bekomme schon Ärger!!!", brüllte ich sie an.
Aber was war das? Katja sackte vor mir zusammen. Erschrocken drehte ich sie um. Blut! Sie war ganz blass! Schnell rief ich den Krankenwagen und Katja wurde ins Krankenhaus transportiert.
Nach vielen Untersuchungen durfte ich in Katjas Krankenhaus Zimmer. Katja schlief. Ich ging langsam an ihr Bett und betrachtete sie. Es tat weh, sie so zu sehen.
"Hallo..", murmelte ich traurig und setzte mich an ihr Bett. Sie war furchtbar blass und dünn. "Es tut mir leid", sagte ich mit tränenerstickter Stimme. Konnte sie mich hören? Ich nahm ihre Hand und streichelte sie. Wenn sie mich nicht hören konnte... sie musste wissen, dass es mir leid tat. Es war alles meine Schuld. Ich fing an zu schluchzen. Auf einmal kam der Arzt mit meiner Mutter rein. Meine Mutter hatte gerötete, verheulte Augen.
"Was ist?", fragte ich und wusste, dass mir die Antwort nicht gefallen würde.
"Deine Schwester ist zu dünn. Die Magensonde nimmt ihr Körper nicht an, und wenn sie nicht bald aufwacht und etwas isst, dann... dann wird sie es nicht schaffen...", sagte der Arzt gedankenverloren.
"Nein!!!", schrie ich und heulte.
Es war alles meine Schuld! Nur wegen mir aß sie die letzten Woche kaum! Ich weinte noch ganze drei Stunden, bis ich wieder alleine war. Ich blickte in Katjas leeres Gesicht. Sie war im Koma. Wegen mir. Wegen mir. Wegen mir! Ich schluchzte los.
"Es tut mir leid!!", heulte ich.
Als ich am nächsten Tag Katja besuchen kam, las ich ihr etwas vor. Sie war immernoch so blass. Irgendwann legte ich das Buch weg und erzählte ihr etwas. Etwas über unsere Zeit als Kleinkinder. Wie wir gespielt haben. Wie wir gelacht haben. Ich musste weinen. Und auf einmal sah ich, dass Katja auch weinte. Tränen kullerten aus ihren Augen, aber sie war nicht wach.
"Du willst so gerne wach sein, aber du kannst nicht!", sagte ich und heulte.
Katja weinte immer mehr. Konnte sie mich hören?
"Katja, falls du mich hören kannst, will ich dir sagen, dass es mir unendlich leid tut! Ich habe dich so lieb, egal was du getan hast!", schluchzte ich und streichelte ihre kalten Finger. Katja hörte auf zu weinen. Es kam mir sogar fast so vor, als würde sie lächeln. Sie hatte mich also verstanden.
Am nächsten Tag sagte ich ihr wieder, wie sehr ich sie lieb hatte. Und diesmal machte sie gar nichts. Ich weinte. Auf einmal kam ein langer, lauter "PIEP"- Ton. Es war vorbei.
Drei Tage später war Katjas Beerdigung. Alle waren gekommen, und ich schämte mich so. Alle weinten, vor allem ich. War es meine Schuld? Wieder zu Hause heulte ich den Rest des Tages, ich hatte sogar Selbstmordgedanken. Bis meine Mutter kam. Sie setzte sich neben mir aufs Bett, streichelte meinen Rücken.
"Es ist nicht deine Schuld", sagte sie liebevoll. "Katja war schon immer krank gewesen, wir wussten, dass sie an Magersucht sterben würde."
Was? War ich also doch nicht Schuld? Nachdenklich umarmte ich meine Mutter.
Es hatte geschneit. Langsam gehe ich auf dem Friedhof rum und betrachte die Vögel, die nach Futter suchen. Dann gehe ich langsam zu einem bestimmten Grab. Dort liegt ein besonderer Mensch. Und dieser Mensch, er weiß, dass ich ihn liebe. Ich lege einen Blumenstrauß auf das Grab. Sie war lächelnd eingeschlafen. Es geht ihr dort oben gut. Eine kleine Träne tropfte aus meinen Augen. Es geht ihr gut. Ich murmel ein paar Wörter. "Ruhe in Frieden, Schwesterherz."
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