1970 (Teil 3)

von Hippiepunks


 

Natürlich ist es Toto Cutugno, der aus dem Radio trällert. Er ist gerade total angesagt in Italien. Francesco hört sich die Platte in seinem Zimmer an. Er sitzt seit einigen Tagen deprimiert zu Hause und schraubt an der riesigen Kiste im Wohnzimmer herum, die man hier "Fernseher" nennt und die für meine Mutter vor allem als Ablagefläche für Souvenirs von Hochzeiten und Kommunionen dient. Mein Bruder Francesco ist jetzt 17 Jahre alt und er findet keine Lehrstelle. Sein Deutsch ist miserabel; warum sollten wir auch deutsch lernen? Mit Italienisch finden wir uns auch hier bestens ab. Francesco ist eine Lehre als Maler versprochen worden, da ein uns bekannter Italiener ein Geschäft geleitet hat. Doch alles deutet auf einen Bankrott hin und Francesco sieht schwarz.
Wenn ich morgens um viertel nach acht Uhr für die Schule aufstehe, schläft er natürlich noch. Um zwölf komme ich nach Hause und es ist nicht verwunderlich, wenn er dann immer noch schläft.
Doch heute sitzt er in seinem Zimmer (das er übrigens mit dem fünfjährigen Mauro teilt; Sando ist dummerweise bei mir untergebracht worden) und hört die Platte von Toto.
Ich schlurfe in die Küche und schaue aus dem Fenster. Von hier aus sieht man bis zur Fabrik, in der unsere Eltern noch eine Stunde lang beschäftigt sein werden.
Die beiden sind in den Sechzigern aus Catanzaro, Süditalien hergekommen, mit Hoffnung auf eine Arbeitsstelle und eine bessere Zukunft. Manche ihrer Geschwister haben den selben Weg eingeschlagen, ein paar davon sind nach England und Deutschland ausgewandert.
Unzählige Italiener sind in die Schweiz gekommen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Die meisten von ihnen haben sich zwar gesagt: Wir bleiben ja nur für ein paar Monate, bis das nötige Geld zusammen ist, dann gehen wir wieder.
Francesco ist geboren worden, im Abstand von je zwei Jahren dann Sando und ich und als letztes hat Mauro das Licht der Welt erblickt.
Niemand von uns hat je etwas für die Schweiz übrig gehabt - nicht so, wie die unsere Eltern und zum Teil auch uns selbst behandeln. Aufs Übelste beschimpft werden wir, manche Schweizer kommen einfach nicht klar mit der großen Anzahl an Ausländern. Es ist so, dass nun fast überall Italienisch gesprochen wird. Natürlich wollen wir ihr Land nicht erobern. Wir wollen einfach ein bisschen hier bleiben.
Unsere Eltern haben von Anfang an für die Fabrik von Romys und Adrians Vater gearbeitet. Sie werden schlecht behandelt und ausgenutzt, aber niemand sagt etwas. Es ist in Ordnung, solange sie Geld bekommen. Ich habe allerdings aufgeschnappt, dass es nicht reichen wird, um die Miete zu zahlen und das macht mich wütend; die Häuser gehören schließlich auch Romys Vater, und wenn er unsere Eltern schon fast nicht bezahlt, dann soll er wenigstens dafür sorgen, dass sie nicht so viel Miete zahlen müssen.
Ich höre, wie die Türklinke hinuntergedrückt wird. Ja, das müsste meine Mutter sein. "Lisa!", quäkt sie erschöpft durch die kleine Wohnung. Lisa ist mein erster Name, mein zweiter lautet übrigens Emilia.
"Hilf mir mit der Wäsche", befielt sie. Gemeinsam stampfen wir in die Waschküche hinunter, um die Wäsche aufzuhängen. Oft kommt es vor, dass ich meiner Mutter helfe, denn sie arbeitet schon genug in der Fabrik. Wenn sie dann noch nach Hause kommt und den ganzen Haushalt mitsamt Ernährung von vier Kindern vor sich hat, kann ich wirklich nicht mehr zusehen.
Frau Hörli betritt den Wäscheraum hektisch. Sie ist eine der wenigen Schweizerinnen im Quartier und schon etwas älter. Ich mag sie und ihre erwachsene, blonde Tochter nicht, sie haben etwas arrogantes.
"Jetzt also Frau Armandi!", schimpft Frau Hörli. "Es ist ganz klar abgemacht, welcher Teil der Wäscheleine Ihnen gehört und welcher den anderen. Es ist sogar mit einer Wäscheklammer gekennzeichnet. Warum können alle sich daran halten, nur sie nicht?"
Sie deutet auf die Wäscheklammer und dann auf den Pullover, den meine Mutter versehentlich auf der falschen Seite der Klammer aufgehängt hat. Ma steht hilflos da; sie hat Frau Hörli nicht verstanden. Prompt fragt die alte Frau: "Haben Sie mich verstanden?"
Innerlich beginne ich zu kochen. Sie stichelt doch nur auf meiner Mutter herum. Doch bevor ich mich wieder abregen kann, setzt Frau Hörli noch unverdrossen einen obendrauf: "Geht das dort, wo Sie herkommen, etwa nicht so? Ein bisschen Anpassung, Frau Armandi!"
Es reicht.

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Hallo Formi und alle anderen,
in meiner Geschichte geht es um die Italiener, die in den Sechzigern und Siebzigern in die Schweiz gekommen sind. Vor allem die Kinder thematisiere ich stark, weil es mir darum geht, zu betonen, wie sie sich fühlen müssen, als Außenseiter (für einen Schweizer) wie als einer von vielen anderen (für einen Italiener).
Ich habe wirklich nichts gegen die Schweiz, das müsst ihr wissen, ich will Italiener auch nicht als Unschuldslämmer dastehen lassen. Aber früher war es tatsächlich mehr oder weniger so, wie ich es beschreibe. Heute sind es andere Nationen, die diese Einwanderungen erleben.
Um die politische, technologische und kulturelle Richtigkeit meiner Geschichte zu überprüfen, habe ich Eltern und Grosseltern aus ihrer Jugend erzählen lassen.
Ein Feedback würde mich natürlich sehr freuen.

 

 

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