Mio & Andrea

Mittwoch, 06. November 2019
Herausgegeben von miana

Mio & Andrea 1

von Yui

Andreas Sicht:

Neue Schule, neues Glück, sagt man. An dieser Schule habe ich aber ganz und gar kein Glück, zumindest nicht mit meiner Klasse.
,,Das ist Andrea, euer neuer Mitschüler.", stellt mich der Klassenlehrer vor. Eine Sekunde, zwei Sekunden. Dann lacht die ganze Klasse. Darauf war ich vorbereitet. Schnell stelle ich klar: ,,Mein Name ist italienisch und in Italien ist das ein männlicher Name." Ein paar hören zu lachen auf, aber längst nicht alle. Der Lehrer ruft: ,,Das ist aber nicht sehr nett!"
Als ich mich auf meinen Platz setze und der Unterricht beginnt, schauen viele zu mir rüber und können sich ein Lachen nicht verkneifen. Das kann ja heiter werden!

In der letzten Stunde haben wir Deutsch und zwar sprechen wir über ein Projekt, das bald klassenübergreifend stattfindet. Der Sinn davon ist, dass man sich mit jemandem zusammentut, der einem dann beibringt, was man nicht kann.
Ich finde das Projekt sehr gut und freue mich, dass es nicht schon begonnen hat, bevor ich die Schule gewechselt habe.
Jeder soll auf ein Blatt seine Stärken und Schwächen schreiben. Ich schreibe bei meinen Stärken, dass ich gut zeichnen und mit Computern umgehen kann und meine Schwächen sind eindeutig Sport und Schreiben. Neben Sport mache ich ein Ausrufezeichen, denn das ist das, worin ich am liebsten besser werden möchte.
Die Deutschlehrerin, die das Projekt leitet, sammelt unsere Zettel ein und erklärt, dass bis zum Ende der Woche feststeht, wer mit wem zusammenarbeiten wird.

Mios Sicht:

Was sind nur meine Stärken, überlege ich und starre aus dem Fenster. Ich muss diesen verflixten Zettel spätestens am Ende der Stunde abgeben und das ist nicht mehr lange. Normalerweise sehne ich mir im Nachmittagsunterricht immer das Ende herbei, aber heute kann es gar nicht lange genug dauern. ,,Mann, Mio, das kann doch nicht so schwer sein!", zischt Megan, meine beste Freundin. ,,Was soll ich denn schreiben?", flüstere ich. ,,Du kannst wunderbare Geschichten und Gedichte schreiben, bist unglaublich gut in Fremdsprachen, hast eine nahezu perfekte Rechtschreibung und wurdest beim Unterstufen-Völkerballwettkampf im Herbst mit dem Silberpokal ausgezeichnet. Und dann fragst du MiCH, was du gut kannst?", antwortet Megan. Sie hat irgendwie recht. Ich bin in allem, was mit Sprachen zu tun hat, wirklich überdurchschnittlich gut. Das mit dem Wettkampfsieg liegt aber sicher nicht daran, dass ich so talentiert wäre. Im Gegenteil, ich bin eher unsportlich. Aber ich habe seit der Grundschule Angst, von einem Ball getroffen zu werden. Ich weiche bei Völkerball und ähnlichen Spielen immer reflexartig aus und werde deshalb nie getroffen. Nach dem Wettkampf, der den ganzen Vormittag dauerte, war ich mit den Nerven am Ende und wäre fast umgekippt.
,,Schreib irgendwas hin!", schreit Megan mich jetzt an, schnappt dann aber selber meinen Füller und schreibt ,,Sport und schreiben" hin.
Seufzend gebe ich das Blatt ab. Bei Schwächen habe ich geschrieben, dass ich nicht zeichnen kann und mich nicht mit Computern auskenne. Ich kann noch viele andere Dinge gar nicht oder nur schlecht, aber das Meiste will ich gar nicht können. Zeichnen oder was am Computer machen würde ich aber tatsächlich gerne.

Mio & Andrea 2

von Yui

Mios Sicht:

Drei Tage später geht das Projekt los. Gleich in der ersten Stunde erfahren die betreffenden Klassen, wer ihre Partner sind. ,,Es war teilweise nicht ganz einfach, wenn jemand sehr spezielle Dinge aufgeschrieben hat. Zum Beispiel du, Maria, hast als Stärke Waldhorn spielen angegeben, aber niemand hat das als Schwäche angegeben. Im Endeffekt haben ich und die anderen Lehrer aber für jeden einen passenden Partner gefunden." Die Lehrerin hängt die Liste auf und fügt hinzu: ,,In manchen Fällen war es aber wirklich eindeutig. Mio, dein Partner ist Andrea aus eurer Parallelklasse. Eure Angaben haben perfekt aufeinandergepasst."
Ich zucke zusammen. Tatsächlich? Also möchte derjenige auch in Sport besser werden. Was soll ich nur machen, ich bin doch so unsportlich!
,,Da siehst du es, Megan. Jetzt muss ich irgendeiner Andrea erklären, warum ich ihr nicht im Sport helfen kann.", flüstere ich. ,,Na und, wer weiß, wie gut derjenige wirklich ist, was Zeichnen und Computer betrifft.", gibt meine Freundin zurück.

In der nächsten Pause sind fast alle unterwegs, um ihre Partner zu suchen. Ich bleibe lieber solange in meiner Klasse, bis ich mir überlegt habe, was ich sagen soll. Doch plötzlich kommt ein Junge in die Klasse und fragt: ,,Ist der Mio da? Ich bin für das Projekt jedenfalls mit ihm zusammen in der Gruppe." Ich schrecke hoch. Hat der Typ gerade nach einem JUNGEN gefragt? Oh nein, nicht noch so einer, der meint, dass alle Namen, die auf ein O enden, männlich sind.
Ein paar aus der Klasse kichern und ich werde knallrot. Markus ruft: ,,Ja, dort drüben. Aber pass auf, sie schlägt alle, die sie für einen Jungen halten." Danke für diese nette Vorstellung, denke ich verärgert. Markus weiß genau, dass ich keinen schlagen würde und deshalb macht er solche blöden Kommentare, um mich zu provozieren.
Aber Moment mal - wieso fragt ein Junge nach mir? Ich bin doch mit einer Andrea ... Ich unterbreche meine Gedanken und fange an zu lachen. Ich habe begonnen, in meiner Freizeit Italienisch zu lernen und deshalb weiß ich, dass Andrea ein beliebter italienischer Männername ist. Dieser Junge hat wahrscheinlich dasselbe Problem wie ich!
,,Bist du Mio?", fragt er jetzt schüchtern. Ich nicke lachend. ,,Und du bist Andrea, stimmt’s?" Er bejaht meine Frage und dann muss er auch lachen. ,,Wirst du auch immer wegen deinem Namen geärgert?", frage ich ihn. ,,Ja, leider. Du glaubst gar nicht, wie lustig manche es mit einem Namen haben können.", seufzt er. ,,Doch, das habe ich durchaus schon festgestellt. Deinen Namen kann man wenigstens abkürzen!", entgegne ich. ,,Deinen doch auch... äh, Mimi?" Andrea grinst. ,,Mimi? So heißt meine Maus! Wenn dieser Name je mit mir in Verbindung gebracht wird, vergleichen mich bestimmt alle mit ihr. Meine Mäuse waren mal in der Schule, also kennt sie jeder. Das war am Welttierschutztag, als wir in Bio unsere Haustiere mitbringen ..." ,,Du hast Mäuse? Wie cool!", unterbricht mich Andrea. ,,Ja, drei. Sie heißen Bussi, Mimi und Lala.", erzähle ich. Im nächsten Moment bereue ich es. Die Namen sind mir eigentlich peinlich vor anderen, obwohl ich sie nach wie vor süß finde. ,,Niedliche Namen. Mio klingt aber süßer.", meint Andrea und ich werde noch röter als ich sowieso schon bin.
,,Hey, wollt ihr nicht über das Projekt sprechen, anstatt hier in aller Lautstärke zu flirten?", schreit jemand. Ich sehe mich geschockt um. Alle in der Klasse schauen uns an und grinsen. ,,Neeeeeiiin!", rufe ich und verlasse fluchtartig die Klasse.

Andreas Sicht:

Als Mio nach diesem unfassbar " tollen " Kommentar aus dem Klassenzimmer läuft, verlasse ich es ebenfalls langsam. Schade, denn es hat wirklich Spaß gemacht, mit ihr zu reden. Aber meine Bemerkung, dass ich ihren Namen süß finde, war einfach dämlich. Es muss ja wirklich so geklungen haben, als würde ich mit ihr flirten. Dabei ist mir das einfach so herausgerutscht. Zum Glück habe ich wenigstens nur den Namen und nicht sie süß genannt. Obwohl ich zugeben muss, dass ich ziemlich zittrige Beine bekam, als ich sie sah. Ich werde mich doch nicht in Mio verknallt haben?? Fühlt sich das so an? Hm. Ich gehe in Gedanken durch: grundlos zitternde Gliedmaßen, ich rede peinliches Zeug, ohne meine Worte kontrollieren zu können und habe ein kitzliges Gefühl im Bauch. Als Mio die Klasse verlassen hat, wurde das Zittern in meinen Beinen stärker, sodass ich kaum gehen konnte.
Wenn ich mir das so überlege, wäre es eigentlich gut, wenn ich mich verliebt hätte. Denn ansonsten würde ich mir ernsthaft Gedanken um meine Gesundheit machen.

Nach Schulschluss ist dieses komische Gefühl immer noch da. Komischerweise konnte ich die ganzen restlichen Unterrichtsstunden nur an Mio denken. Nicht einmal in meinem Lieblingsfach Kunst konnte ich mich konzentrieren. Im Gegenteil: Als wir einen Text ins Heft schreiben mussten, sah meiner so aus: ,,Blautöne und bläuliche Grüntöne werden als kalte Farben bezeichnet, weil sie Mio" Wie kann das passieren? Wie kann ich mitten während dem Schreiben plötzlich ,,Mio" schreiben???
Als ich über den Schulhof gehe, ruft jemand meinen Namen. Ich drehe mich um und sehe Mio. Im ersten Moment starre ich sie mit offenem Mund an. In der Pause hatte sie die Haare zusammengebunden und ihre Frisur fiel nicht weiter auf. Jetzt hat sie ihren Pferdeschwanz aufgemacht und ich bemerke, wie lang und wunderschön ihre Haare sind. ,,Ähm, ist was?", fragt Mio. Ich schüttle schnell den Kopf. ,,Nee, wieso?" ,,Du hast mich so angeguckt.", antwortet Mio unsicher. Ich denke mir schnell eine Ausrede aus. ,,Nein, ich war nur in Gedanken." ,,Ach so. Ich wollte dich wegen unserem Projekt fragen. Manche treffen sich bereits am Wochenende, um sich gegenseitig ihre Sachen beizubringen, weil sie die Chance nutzen und nicht nur das Projekt rumkriegen möchten.", beginnt Mio. Ich warte, worauf sie hinauswill. Sie atmet tief durch und fragt: ,,Willst du das auch oder genügen dir die Stunden, die wir in der Schule dafür zur Verfügung haben?" Mir wird bei dem Gedanken, ich könnte mich mit Mio treffen, schwindelig. Wo könnten wir uns treffen? Sicher nicht bei mir zu Hause, nicht in diesem Chaos! Hoffentlich schlägt sie das nicht vor, wenn ich jetzt Ja sage. Wenn ich das tue, muss ich gleich eine Idee haben, wo wir uns treffen können. Denk nach, denk nach!
,,Du schaust mich schon wieder so an.", bemerkt Mio. Ich zucke zusammen. ,,Tue ich das? Ich denke nur nach. Wo wir uns treffen könnten.", sage ich schnell. ,,Kommt drauf an, womit wir beginnen. Ach ja, wegen Sport. Das ist leider ein Missverständnis, ich bin total unsportlich.", gesteht sie. ,,Oh", antworte ich, ,,egal, macht nichts. Aber im Schreiben bist du gut?" ,,Ja, aber ich weiß nicht, was ich dir da zeigen soll. Mir wäre es lieber, wir würden mit etwas anderem beginnen. Denkst du, du kannst mir zeichnen beibringen?", überlegt Mio. ,,Ich glaube ja.", antworte ich langsam. ,,Und wo sollen wir uns treffen?" Ich denke fieberhaft nach. Zeichnen kann man am besten an einem Tisch, also würde es sich anbieten, sich bei mir oder ihr zu Hause zu treffen. Aber ich will mich ungerne einfach bei ihr zu Hause einladen, aber bei mir kommt nicht in Frage! Zum Glück schlägt sie jetzt vor: ,,Lass uns doch in der Bibliothek treffen, dort gibt es auch Lernecken, wo man bestimmt prima zeichnen kann, weil es genug Platz gibt."
Ich bin einverstanden und wir verabreden uns für Samstagnachmittag.

Mio & Andrea 3

von Yui

Mios Sicht:

Auf dem Weg nach Hause kann ich kaum einen klaren Gedanken fassen. Ich habe mich zum ersten Mal mit einem Jungen verabredet! Es ist zwar nur für ein Schulprojekt, aber trotzdem ist es meine Premiere. Auf einmal kann ich alle Probleme, die Mädchen in Büchern haben, wenn sie sich mit einem Jungen treffen, nachvollziehen. Was soll ich anziehen? Soll ich lieber 5 Minuten früher, ein bisschen zu spät oder genau auf die Minute genau erscheinen? Warte ich im Eingangsbereich, auf der Straße oder direkt in der Lernecke der Bibliothek? Was werden meine Eltern dazu sagen? Glauben die mir, dass es kein Date ist?
Hundert Fragen schießen mir in den Kopf und ich habe das Gefühl, dass ich die Zeit bis zu unserem Treffen nicht überstehe. Ich weiß aber nicht, warum. Es ist ja nicht so, als ob ich mich in Andrea verliebt hätte. Nein, das stimmt ganz und gar nicht! Ich habe mich ganz sicher nicht verliebt, das ist ausgeschlossen, unmöglich, undenkbar,...!

Beim Abendessen fragt meine Mutter mich nach dem Schulprojekt: ,,Habt ihr heute nicht eure Partner zugeteilt bekommen?" ,,Doch, ja.", antworte ich langsam. Meine Mutter denkt immer, ich wäre in jeden Jungen verliebt, mit dem ich spreche. Sie hat zwar nichts dagegen, aber es ist mir total unangenehm, weil es eben nicht wahr ist. Sie versucht immer, mich zu verkuppeln, was mich furchtbar nervt und in peinliche Situationen gebracht hat.
,,Und? Na erzähl schon, mit wem bist du in der Gruppe?", hakt sie jetzt nach. Ich antworte ausweichend: ,,Es ist jemand aus der Parallelklasse. ...Hey, dein Glas kippt gleich um!" Die Tischdeckenfalte, auf dem das Glas meiner Mutter steht, kommt mir sehr gelegen. Da meine Mutter es nicht mehr schafft, das Glas festzuhalten, ist das Gespräch erst einmal beendet und ich erspare mir ausgiebige Erklärungen.

Andreas Sicht:

Normalerweise lese ich abends unter der Decke Comics oder höre auf meinem Handy Musik. Heute habe ich mir aber stattdessen einen Notizblock geschnappt und bin jetzt dabei, mehrere Möglichkeiten abzuwägen, was ich morgen zum Treffen mit Mio anziehe.
Einfarbiges T-Shirt? Nee, zu langweilig. Comic-Printshirt? Mio mag bestimmt keine Comics. Gestreiftes T-Shirt? In Ordnung, aber nichts Besonderes.
Ich möchte etwas anziehen, was ihr positiv auffällt... Hm, was könnte ich nehmen? Schließlich bekomme ich eine rettende Idee. Es soll schick aussehen und auf jeden Fall einen positiven Eindruck hinterlassen? Da habe ich genau das Richtige, hehe!

Am nächsten Morgen wache ich spät auf, weil ich mehrere Albträume hatte. Jedes Mal ging es um das Treffen heute und immer ging alles schief. Einmal hatte die Bahn Verspätung und ich kam viel zu spät. Das nächste Mal stolperte ich auf der Treppe. Im dritten Traum vergaß ich meine Brille zu Hause und sah dann alles verschwommen. Und zuletzt wollte ich Mio ein kitschiges Liebesgedicht vortragen, was sie aber kein bisschen mochte. Bei dem Gedanken muss ich mich schütteln. Zumindest DAS kann nicht passieren, denn ich würde im echten Leben nicht auf die Idee kommen, einem Mädchen, das ich seit nicht mal einer Woche kenne, in der Bibliothek ein Liebesgedicht vortragen!

Der Tag zieht sich wie Kaugummi, ich werde immer nervöser und nervöser. Nach dem Mittagessen überlege ich ernsthaft, krankzuspielen und nicht zu kommen. Aber das ist keine Lösung, zumal ich mich liebend gerne mit Mio treffen möchte und es wäre auch mehr als unhöflich.

Viel zu früh ziehe ich mich um - mein unschlagbar geniales Outfit! - und mache mich auf den Weg. Ich erinnere mich an meine Träume und nehme nicht die Bahn, sondern den Bus. Außerdem kontrolliere ich mehrmals, ob ich meine Brille trage und meine Schnürsenkel ordentlich gebunden ist, um nicht zu stolpern.

Mios Sicht:

Die meisten meiner Fragen, die mich gestern so beschäftigt haben, haben sich von selber geklärt. Meine Mutter musste ich mit aller Überredungskunst davon überzeugen, mich nicht zu fahren. (,,Warum denn nicht? Dann kannst du ganz ladylike aus meinem Wagen steigen und er reicht dir die Hand..." ,,Es ist KEIN Date, Mama, merk dir das endlich!") Bei der Kleidung habe ich mich für etwas ganz Normales entschieden, was ich auch zur Schule trage. Schließlich soll es nicht so aussehen, als hätte ich mich extra herausgeputzt. Sonst glaubt Andrea noch, ich hätte mich in ihn verliebt!
Auch die Frage nach meiner Ankunftszeit hat sich geklärt, als ich die Zeit vergesse und ohne es beabsichtigt zu haben, eine Viertelstunde zu spät komme.
Andrea wartet vor dem Eingang. Doch als ich ihn aus der Ferne sehe, muss ich nach Luft schnappen. Sofort bereue ich, mich nicht fein angezogen zu haben. Wahrscheinlich findet er mich jetzt unmöglich. Ich traue mich fast nicht hingehen! Wie sieht das denn aus???
Ich gehe dann doch näher, weil ich mich vielleicht irre. Aber nein, ich habe mich nicht getäuscht: Andrea trägt ganz vornehm einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und einer roten Krawatte mit Krawattennadel !!! Daneben sehe ich in Jeans und T-Shirt doch schrecklich aus!

Andreas Sicht:

Ich hatte recht, mein Outfit war eine gute Idee. Wenn ich Mios Blick richtig deute, ist sie ganz hin und weg von mir!

Mios Sicht:

Nachdem ich ihn eine Zeitlang geschockt angestarrt habe, fasse ich mich schnell wieder und sage Hallo.
Wir betreten die Bibliothek und suchen uns einen Platz weit hinten. Schnell gehe ich die Gründe durch, die Andreas Kleidung haben könnte. Am wahrscheinlichsten erscheint mir noch, dass er direkt von einem Anlass kommt, womöglich hat heute jemand geheiratet. Oder er hatte keine saubere Alltagskleidung mehr. Vielleicht trifft er nach unserem Treffen aber auch noch seine Freundin? Quatsch, Jungen in dem Alter erscheinen doch in Anzug und Krawatte zu Verabredungen, nicht einmal wenn es ihre feste Freundin ist.

,,Also... womit wollen wir beginnen?", fragt Andrea. Ach ja. Wir sind hier, damit er mir Zeichnen beibringt. ,,Äh", mache ich nur. ,,Was zeichnest du denn am liebsten?", will er wissen. Ich überlege kurz und sage: ,,Ich? Zeichnen? Ich kann das doch eben nicht!" ,,Ja, aber du hast doch bestimmt irgendein Lieblingsmotiv oder zumindest einen bestimmten Zeichenstil, der dir gefällt." Ich versuche mir in Erinnerung zu rufen, was es für Stile gibt. Mein Gehirn schaltet um auf Erinnerungen aus dem Kunstunterricht. ,,Impressionismus, Renaissance, Jugendstil, klassische Moderne, Kubismus, Surrealismus, Barock, Neue Sachlichkeit.", murmle ich und versuche, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie die Erkennungsmerkmale der einzelnen Kunstepochen und Stils lauten. Andrea starrt mich an, als wäre ich nicht mehr ganz dicht. ,,Das ... ähm, also ... dein Kunstlehrer freut sich bestimmt. Aber ich meinte was anderes. Ich dachte, du sagst jetzt so was wie Manga, realistisches oder räumliches Zeichnen.", erklärt Andrea. Ich atme erleichtert auf, weil mir gerade klar wurde, dass mir zu keinem meiner aufgezählten Kunststile ein Beispielgemälde einfällt.
Andrea ist immer noch irritiert von meiner Aufzählung verschiedenster Kunst-Epochen und schlägt vor: ,,Zeichne einfach mal irgendwas, eine Blume oder so."
Eine Blume. Schluckend greife ich nach den Stiften. Ich habe seit Monaten nicht mehr gezeichnet, weil ich es nicht kann. Zuerst will ich einfach eine ganz normale Blume zeichnen, wie Grundschulkinder sie zeichnen. Strich, Kreis und Blütenblätter. Aber das kommt mir albern vor. Ich bemühe mich, möglichst sorgfältig und realistisch zu zeichnen und brauche dementsprechend lange. Ich stelle mir eine Hyazinthe, meine Lieblingsblume vor und versuche, jedes Detail zu zeichnen und male meine bestimmt sehr hässliche Zeichnung mit Buntstiften an. ,,So, äh, ja.", stottere ich, als ich fertig bin. Andrea betrachtet die Zeichnung lange und meint dann: ,,Du willst mich für blöd verkaufen, oder?" Ich erschrecke und ärgere mich riesig darüber. Es kann nun mal nicht jeder zeichnen und er weiß, dass ich es nicht kann. Was bildet der sich ein, dieser arrogante Gockel? Doch dann höre ich ihm weiter zu: ,,Entweder hast du eine nicht ganz funktionstüchtige Wahrnehmung oder dir hat irgendein Neider dein ganzes Leben eingeredet, du könntest nicht zeichnen. Mann, Mio, das ist fantastisch!"
Hä? Er findet meine Zeichnung ... fantastisch? Wie kann das sein?
Ich riskiere noch einmal einen Blick auf den Zettel und versuche, die gezeichnete Blume nicht mit dem Gedanken ,,Das ist eine Zeichnung von mir, oh mein Gott, wie schrecklich!" zu betrachten, sondern so, als wäre sie gar nicht von mir. Irgendwie sieht sie ganz passabel aus. Vielleicht sogar etwas mehr als das. Hm, die Blüten sehen eigentlich sehr realistisch aus, finde ich auf einmal. Möglicherweise bin ich wirklich nicht so untalentiert, wie ich dachte?

Andreas Sicht:

Langsam macht mir Mio Angst. Nicht nur, dass sie aus dem Stegreif irgendwelche Kunstepochen aufsagt, sie zeichnet auch wahnsinnig gut. Dabei dachte ich immer, ICH könnte zeichnen? So schön hätte ich eine Hiüatzinte oder wie diese Blume auch heißen mag, aber niemals hinbekommen!
Ich verfüge zwar über keinen 6ten Sinn, aber ich sehe es schon vor mir, wie ich denke, ich soll ihr etwas am Computer beibringen und dann beherrscht sie drei verschiedene Programmiersprachen, kann eigene Programme schreiben und ein Laufwerk zusammenbauen, während ich seit Monaten vor mir herschiebe, die Grundkenntnisse beim Programmieren zu lernen...

Mio & Andrea 4

von Yui

Andreas Sicht:

Das Treffen in der Bibliothek war zwar sehr verwirrend und voller Überraschungen, aber gar nicht mal übel. Ob es an meinem erstklassigen Outfit liegt? Schließlich konnte ich Mio damit zeigen, dass ich Stil habe!

Das restliche Wochenende kann gar nicht schnell genug vergehen. (Ich hätte nie gedacht, so etwas mal zu denken!) Am Montag haben wir eine Doppelstunde für das Projekt zur Verfügung. Da ich Mio am Samstag nicht wirklich etwas zeigen konnte und wir die meiste Zeit damit verbracht haben, jeder für sich in der Bibliothek zu stöbern, beschließen wir, uns heute dem Thema Computer zu widmen.
Ich habe mir schon im Voraus ausgemalt, wie das wohl werden könnte. Ich würde ihr durchaus zutrauen, super mit Computern umgehen zu können - siehe Zeichnen! Neben ihrer wunderschön gezeichneten Blume sehen meine Kritzeleien ja aus wie blind irgendwas gemalt.

Mios Sicht:

Ich bin total nervös. Bestimmt werde ich vor Andrea dastehen, als hätte ich noch nie einen PC gesehen!
Dabei stimmt das nicht. Gesehen habe ich so was natürlich schon oft. Und mit 10 habe ich mal meiner Mutter zugesehen, wie sie was im Internet gesucht hat. Außerdem hatte ich als Kleinkind ein Spiel, wo man lernen konnte, wie man sich im Straßenverkehr verhalten soll und weiß ungefähr, wo die Pfeiltasten, die Entertaste oder so liegt. Aber ja... Das war es schon mit meinen Kenntnissen.

Aber nichtsdestotrotz freue ich mich, Andrea wiederzusehen. Megan hat als meine beste Freundin leider bemerkt, dass ich mich freue und zieht mich seit Schulbeginn damit auf.
,,Du bist in ihn verliebt, gibs zu!", ruft sie mir nach, als sich unsere Wege trennen. Sie ist mit ihrem Teampartner in der Turnhalle verabredet, um Fußball zu lernen, während ich in den Computerraum gehe.
Andrea wartet schon auf mich, aber wir reden nicht viel, sondern beginnen gleich. Das hat aber weniger damit zu tun, dass wir uns nichts zu sagen hätten, sondern mit dem Lehrer, der vorne am Lehrerpult sitzt und zu uns guckt.
,,Wenn ihr Hilfe braucht, sagt ruhig Bescheid. Ich bleibe in der Nähe!", sagt er.
Dass wir also nicht ungestört plaudern werden, ist einerseits normal. Schließlich ist Unterrichtszeit und nicht Kaffeeklatsch. Andererseits bedeutet das, dass ich in der Pause oder nach Schulschluss auf Andrea zugehen muss, wenn ich mit ihm plaudern will. Ob ich das schaffe?
Moment mal - warum will ich das? Bin ich etwa doch in ihn verliebt? Nein, das kann doch nicht sein!

,,Okay, also fangen wir an?", unterbricht Andrea meine Gedanken.
,,Ähm, klar.", sage ich schnell.
,,Warum schaltest du den PC dann nicht einfach ein?"
Andrea guckt abwechselnd auf mich und das schwarze Kästchen unter dem Tisch.
,,Soll ich? Ich meine, ich weiß nicht, ob ich das richtig mache. Wie geht das überhaupt?", frage ich.
,,Machst du Witze?"
Andrea lacht und drückt irgendwas auf dem Kästchen. Der Bildschirm leuchtet blau auf und kurz darauf sieht man darauf eine Schneelandschaft und viele kleine Symbole. Ich erinnere mich, dass unser PC auch so aussieht.
,,Was machen wir denn jetzt?", frage ich schüchtern.
,,Womit willst du anfangen?", entgegnet Andrea.
Himmel, woher soll ich wissen, was man mit einem Computer alles machen kann!
,,Was kann ich denn am ehesten brauchen?", überlege ich und lese die Aufschriften unter den Symbolen. Bei den meisten habe ich keine Ahnung, worum es geht. Naja doch, einen Papierkorb kenne ich.
,,So was wie Word und so brauche ich dir ja wohl nicht zu erklären. Was ist mit einem Zeichenprogramm? Du zeichnest doch so gut.", schlägt Andrea vor.
Man kann mit einem Computer zeichnen??? ,,Ähm ja, warum nicht", antworte ich.
,,Dann öffne dieses Programm hier!" Er zeigt auf ein Icon und ich klicke darauf. Nichts passiert.
,,Der Doppelklick hat nicht ganz funktioniert.", bemerkt Andrea.
Ach so, man muss doppelt klicken.
Kurz darauf öffnet sich ein Zeichenprogramm.
,,Wie kann man denn da zeichnen?", frage ich und betrachte skeptisch den Mauszeiger, den Hintergrund und die vielen Symbole oben.

Andreas Sicht:

Okay, diesmal habe ich Mio nicht unter-, sondern überschätzt. Sie wirkt, als würde sie zum ersten Mal einen Computer bedienen. Als ich ihr erkläre, wie man damit zeichnet und sie es ausprobiert, habe ich das Gefühl, sie hat noch nicht so oft eine Maus in der Hand gehalten. Aber mit etwas Geduld schaffen wir es, dass sie ein halbwegs erkennbares Haus zeichnet.
Die restliche Doppelstunde vergeht wie im Flug. Ich bringe Mio bei, wie man ein Schreibprogramm benutzt, was sie relativ schnell raushat. Nur die verschiedenen Formatierungen verwirren sie nach wie vor. Da ich vollauf damit beschäftigt bin, ihr alles zu erklären, konzentriere ich mich diesmal wirklich auf unsere Aufgabe und nicht auf Mio.
Erst als die Klingel ertönt, fällt mir wieder ein, dass ich nicht neben irgendeinem Mädchen sitze, sondern neben ihr. Eigentlich hoffe ich, dass wir nachher noch kurz reden können, aber es kommt alles ganz anders...