Elle Eedee's Zeitung oder Tratschphantom

Mittwoch, 31. Juli 2019
Herausgegeben von Elle Eedee

Black Hand

von Juju

------------------- Dunkel ist auch das Licht---------------------

Es war im November. Der Schatten der Dunkelheit legte sich über St. Boontown. Es wurde kälter und alle Menschen begannen sich in die Häuser zurück zu ziehen.
„Mama, warum ist Papa noch nicht zurück von der Arbeit?“ fragte Nele.
Die Mutter griff zum Telefon.
„Das werden wir ja gleich wissen…“ murmelte sie ungeduldig und wählte.
Es piepste. Nichts- nur rauschen in der Leitung. Nach einiger Zeit legte sie auf.
„Wo ist er?“ fragte Nele und sie begann sich Sorgen zu machen.
Die Mutter zuckte mit den Achseln.
„Putz dir mal schnell die Zähne, Nele. Ich ruf nochmal kurz an.“
Nele drehte sich um. Sie hörte die Mutter Zähneknirschend die Nummer wählen, dieses Mal schneller. Als sie wieder auflegte, eilte Nele nach oben ins Bad. Ihr Vater musste viel arbeiten. Er war Ingenieur und hatte kaum Zeit für sie. Neles Mutter war Lehrerin. Sie hatte viel Zeit. Fast zu viel Zeit, denn sie kontrollierte alles; das Zähneputzen, das pünktliche zu Bettgehen und das Hausaufgabenmachen.
Während sie sich ihre Lieblingszahnpasta auf ihre Zahnbürste drückte, summte sie die Melodie von `Bruder Jakob´. Sie mochte dieses Lied. Mama hatte es ihr immer vorgesungen, als sie klein war. Papa kannte es nicht einmal. Er kannte nur richtige Konstruktionen und seltsame Techniken zum Bauen großer Häusern. Nele putzte sich die Zähne und spülte schließlich ihren Mund aus. Sie erschrak, als sie Blut spuckte.
„Ah!“ rief sie. „Mama, Mama, komm mal schnell, ich blute!“
Sofort eilte die Mutter weg vom Telefon und öffnete die Tür zum Badezimmer.
„Nele, was ist passiert?“
„Ich blute!“ weite Nele.
Die Mutter beugte sich zu ihr runter. „Aber Nelchen, du hast dir nur nicht immer richtig die Zähne geputzt. Da kommt es schon vor, dass das Zahnfleisch zu bluten beginnt…“
Nele hörte auf zu weinen.
„Also geht es wieder weg?“ fragte sie besorgt.
„Ja.“ Meinte die Mutter sanft. Sie umarmte ihre Tochter und brachte sie in ihr Zimmer. Das Fenster stand weit geöffnet und der Kalte Wind durchzog das kleine Zimmer. Es schien so, als sei jemand durch das Fenster gestiegen.
„Aber Nele, du darfst das Fenster doch nicht aufmachen! Da könnte doch jemand hineinsteigen…“ schimpfte sie mit Nele.
„Das habe ich doch gar nicht!“ schrie sie.
„Wer denn sonst!“
„Ich habe es jedenfalls nicht aufgemacht, Mama!“
Kurz blieb die Mutter ganz ruhig stehen, doch dann schüttelte sie ihren schmalen, lockigen Kopf, sodass ihre Brille bedenklich auf ihrer kleinen Nase zu rutschen begann.
„Nele, geh jetzt ins Bett.“
Die Mutter schloss das Fenster und als Nele im Bett lag, küsste die Mutter ihrer Tochter noch mal auf die Stirn, bis sie schließlich aus dem Zimmer trat. Es war ungewöhnlich ruhig. Unruhig begann Nele die Augen zuzudrücken. Sie spürte, wie die Kälte sie von innen her auskühlte. Es war ein gespenstischer Augenblick, und aus irgendeinem Grund wusste Nele, dass sie nicht allein in ihrem Zimmer war.

Wimmernd drehte sich Nele auf die rechte Seite. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie beschloss, an etwas Schönes zu denken. Zum Beispiel an Bruder Jakob. Hat es den eigentlich in echt gegeben? Hat der Bruder Jakob das schöne Lied geschrieben? Nele würde ihn gerne mal treffen und mit ihm ein Eis essen. Vielleicht auch mit heißer Schokolade. Mama kann die doch so toll machen. Hm, mit extra viel Sahne und Vanille! Dazu würde Pfannkuchen mit Apfelmus passen. Oh ja- das würde Jakob und Nele schmecken. Aber was ist, wenn er kein Apfelmus mag, so wie Papa?
Nele erwachte. Sie hatte kurz geschlafen. Müde rieb sie sich die Augen. Ob Papa jetzt endlich da war? Nele stand auf. Das Zimmer war immer noch eiskalt. Vorsichtig tappte sie im Dunkeln bis zur Tür entlang. Nele trat in den Flur und lief nach unten. Ihre Mutter saß stocksteif am Tisch vor einem Glas Rotwein. Sie rührte sich nicht.
„Mama? Fragte Nele zaghaft. Langsam begann die Mutter ihren Kopf zu drehen. Nele bekam Angst. Als ihre Mutter den Mund aufriss und Nele mit weißen Augen anglotzte, rannte sie zurück in ihr Zimmer. Wo war Papa? Was war nur mit Mama, und wieso hatte Nele plötzlich so Angst? Ein rascheln der Decke brachte sie zum Schreien. Sie überlegte sich zurück zur Mutter zu rennen. Doch um zu ihr zu gelangen, musste sie am Bett vorbei. Kurz entschlossen, begann sie zu schrien.
„Mama, MAMA, da ist jemand!“ sie schrie immer verzweifelter, doch ihre Mutter schien sie nicht zu hören. Angsterfüllt hielt sich Nele den Kopf. „Hilfe!“ rief sie.
Plötzlich huschte etwas an ihr vorbei.
„Mama, Papa!“ weinte Nele. Sie fühlte sich allein und ihr lief es eiskalt den Rücken herunter. Neben ihr hatte sich etwas aufgestellt. Sie wagte es nicht es zu berühren. Es hauchte sie an und berührte Neles Wange.
„Sei kein liebes Mädchen…“ hörte sie es an ihrem Ohr. „Sei ein böses Mädchen, Nele…“
Es war eine raue und böse Stimme, die da zu ihr sprach. Nele begann heftig zu atmen und sie weitete ihre Augen.
„Sei nicht du selbst Nele, sei jemand anderes…“ sprach die Stimme weiter, währen die Gestalt an Neles Wangen zog.
„Sei ein schlechtes Kind, Nele.“
Damit hauchte der Spuk aus und die Mutter stand in der nächsten Sekunde im Zimmer.
Nele konnte sich nicht bewegen. Ihr Herz schien stehengeblieben zu sein.
Langsam erholte sie sich wieder, als sie die Mutter in den Arm nahm. Das Zimmer wurde wärmer und wärmer und alles wurde besser.
„Mama, darf ich heute bei dir schlafen?“ weinte Nele leise.
„Natürlich.“ Sprach die Mutter und eine letzte Träne rollte über Neles Gesicht. Eine letzte nachdenkliche, Sorgen-träne.