Tagesschau

Dienstag, 16. Juli 2019
Herausgegeben von Liliana

Die neue Schule 1 - Eine neue Chance

von Crescent

Jule war wahnsinnig aufgeregt. Heute war ihr erster Tag an der neuen Schule. Für sie war es die größte Chance seit Langem. In ihrer alten Schule war sie gemobbt worden, vor allem von Tina, Emily und ihren Freunden. Deshalb würde sie also jetzt, mitten im Oktober, die Schule wechseln. Jule hoffte, dass ihre neue Klasse sie akzeptieren würde. Wenn sie ehrlich war, wäre sie auch gerne ein wenig beliebt. So wie Emily aus ihrer alten Klasse von allen gemocht wurde.
Was hatte Emily, was Jule nicht hatte? Bei Tina war das klar, die trug immer die neueste Mode und schminkte sich seit der Grundschule. Das machte sie interessant, auch wenn Jule niemals so sein wollte wie Tina.
Aber Emily war eigentlich ein normales Mädchen. Nein, das stimmte nicht ganz: ihre Eltern waren Schauspieler. Viele in Jules alter Klasse träumten davon, mal Schauspieler zu werden. Außerdem waren ihre Eltern bekannt, Emily selbst war auch schon mal in einer Talkshow gewesen.

Aber Jules Eltern waren nicht berühmt. Sie selbst hatte auch nichts, was andere bewundern konnten. Wie sollte sie es schaffen, in ihrer neuen Klasse beliebt zu sein?

"Jule, du musst los!", rief Mum zum unzähligsten Mal. Jule betrachtete noch einmal ihre Frisur im Spiegel, dann war sie zufrieden. Es konnte losgehen.
Die neue Schule war groß, hatte aber nur zwei Stockwerke. Das Haus war cremeweiß gestrichen und es gab einen großen, sauberen Hof. Doch als Jule das Gebäude betrat, verschwammen ihr die vielen Gänge und Türen vor den Augen.
In ihrer alten Schule hatte es zwei Hauptflure mit vielen Wegweisern gegeben. Hier konnte sie sich nicht orientieren. Jule versuchte, dem Schülerstrom nachzugehen, aber es schien hier keinen Hauptflur zu geben. Jeder lief in eine andere Richtung.
Auf einmal wurde sie angesprochen. "Kann ich dir helfen?" Jule drehte sich um und sah eine wohl ältere Schülerin, vielleicht sogar schon in der Abschlussklasse, mit braunen, glatten Haaren und einer Umhängetasche. Sie nickte und erklärte, dass sie neu war und ihren Klassenraum suchte. "Bist du zufällig Jule? Ich bin dann nämlich deine Klassenlehrerin." Jule erschrak. Sie hätte niemals gedacht, dass das eine Lehrerin war, denn sie sah sehr jung aus.

Die Lehrerin zeigte Jule ihre Klasse und teilte ihr einen Platz zwischen Alexa und Li zu. Alexa machte auf Jule einen recht unscheinbaren, aber netten Eindruck. Li war ein asiatisch aussehender Junge, der die Nase in ein Buch gesteckt hatte und nur kurz aufsah, als Jule sich setzte.
Alexa dagegen begrüßte Jule sofort herzlich und zeigte ihr den Stundenplan. Dann senkte sie ihre Stimme und erzählte ihr zu den meisten Schülern, die bereits im Klassenraum waren, etwas.
Bei zwei Schülern - Dana und Vanessa - wurde Jule aufmerksamer. Dana war anscheinend das beliebteste Mädchen der Klasse und Vanessa war ebenfalls sehr beliebt, aber eher still.

Ob die beiden sich mit Jule anfreunden würden?

Die neue Schule 2 - Erste Begegnungen

von Crescent

In der ersten Stunde hatten sie Deutsch. Der Lehrer war sehr nett und ersparte Jule, sich vor der ganzen Klasse vorstellen zu müssen. Stattdessen schlug er vor, dass jeder, der eine Frage an Jule hatte, diese jetzt stellen konnte und dafür dann im Unterricht Ruhe wäre. Die Idee fand Jule gut, doch niemand fragte etwas. Stattdessen hörte sie jetzt schon Getuschel zwischen Dana und einem anderen Mädchen. Bestimmt war ihnen aufgefallen, dass Jules Jeans schon etwas zu kurz war, aber sie hatte keine andere saubere Hose mehr gehabt. Oder sie hatte etwas an Jules Haaren auszusetzen, denn die waren gelockt und Danas Haare waren schnurglatt wie auf dem Plakat beim Friseur.

In der Pause traute Jule sich trotzdem, zu Dana und ihrer Clique zu gehen. Sie bemühte sich, möglichst locker zu wirken und stellte sich nochmal vor. Dana ignorierte sie aber eiskalt und warf ihr nur einen genervten Blick zu.
Als Jule sich enttäuscht wieder an ihren Platz setzte, meinte Alexa: "Sei nicht traurig, du bist nicht die Einzige, die sie ignoriert. Dana hat irgendwie etwas zu viel Selbstbewusstsein und denkt, sie ist die Allerbeste und Schönste."

Damit wollte Jule sich nicht zufriedengeben. Eine Idee hatte sie noch, auch wenn sie nicht glücklich darüber war... Wenn sie den Beliebten zu langweilig war, würde sie sich eben interessant machen müssen - selbst wenn sie sich verstellen musste.
"Sag mal", fing sie in der großen Pause ein Gespräch mit Alexa an, "wie ist Dana denn sonst so? Ich meine, hat sie irgendwelche Hobbys oder so?"
Alexa war überrascht, dachte aber nach und antwortete dann: "Na ja, Hobbys? Haare bürsten, shoppen, sich über andere lustigmachen. Ihr einziges ernsthaftes Interesse ist Gesang. Dana träumt davon, Sängerin zu werden, aber sie kann eigentlich nicht gut genug singen..."
Das klang schon mal gut. Jule überlegte einen Moment, dann wusste sie, was zu tun war.

Die neue Schule 3 - Jules Lüge

von Crescent

In der letzten Stunde stand Italienisch auf dem Stundenplan. Jule hatte an ihrer alten Schule nur Französisch gehabt und würde etwa zwei Monate Italienischunterricht aufholen müssen. Da sie aber ziemlich sprachbegabt war, fiel ihr der Einstieg nicht schwer.
Gerade war das Thema Familie dran. Am Ende der Stunde gab es eine Partneraufgabe. Man sollte seinem Sitznachbarn erzählen, ob man Geschwister hatte, ob die Eltern getrennt waren, welche Berufe sie hatten, ...
Das war ideal für Jules Plan.
Als sie an der Reihe war, über ihre Familie zu sprechen, atmete sie tief durch.
"Non ho sorelle o fratelli. Mia madre ..."
Sie meldete sich und fragte die Lehrerin: "Was heißt: Meine Mutter ist Sängerin?"
Die Klasse wurde still. Alles lief nach Plan. Jule sah unauffällig zu Dana, die ebenfalls still geworden war und Jule anblickte.
Die Lehrerin war auch überrascht. "Meinst du als Beruf? Dann sagst du: Mia madre lavora come cantante" Sie schrieb das Wort für Sängerin an die Tafel.

Nach der letzten Stunde kam Dana auf Jule zu. "Ist deine Mutter wirklich Sängerin?"
Jule schwebte auf Wolke Sieben, weil Dana sie angesprochen hatte.
"Ja, natürlich keine weltberühmte, aber sie singt manchmal auf Veranstaltungen und so.", log sie.
Natürlich war Mum keine Sängerin, sondern war Erzieherin in einer Kita.
Aber Dana war sofort begeistert. "Wow, das finde ich total cool! Ich will auch mal Sängerin werden!"
"Echt? Du kannst bestimmt sehr gut singen!", antwortete Jule.
"Meinst du?" Auf einmal wirkte Dana sogar schüchtern.
Dann fragte sie: "Willst du mit mir gemeinsam zum Bus gehen? Wohin musst du denn?"
Es stellte sich heraus, dass Jule und Dana einen unterschiedlichen Schulweg hatten, aber Dana begleitete Jule zu ihrer Haltestelle.

Von da an wurde Jule nicht mehr von Dana ignoriert. In den Pausen gingen sie gemeinsam auf den Schulhof und auch Vanessa, Danas Freundin, war nett zu Jule. Sie zeigten ihr die Cafeteria, verbrachten die Mittagspause zusammen und Jule hatte zum ersten Mal das Gefühl, in ihrer Klasse akzeptiert zu werden und sogar zu den Beliebten zu gehören, denn auch die anderen waren nett zu ihr.
Als Alexa einmal krank war, boten ihr sofort drei Mitschüler an, den Platz zu wechseln, damit sie nicht alleine sitzen musste.
"Aber ich sitze doch neben Li und nicht alleine!", rief Jule. Schließlich wäre Li ganz alleine gesessen, wenn sie sich woandershin gesetzt hätte.
Dana lachte: "Du willst wirklich neben DEM sitzen?"
"Warum nicht?"
Li hatte ihr nichts getan. Er war sehr still und las in jeder Pause ein Buch, aber das war doch nichts Außergewöhnliches.
Dana flüsterte ihr zu: "Er liest seit der 5. Klasse jeden Tag jede Pause. Und jetzt kommt es: Er liest immer dasselbe Buch."
Das fand Jule allerdings auch merkwürdig, wenn das stimmte. Doch für sie war das kein Grund, Li zu meiden. Stattdessen fragte sie ihn in einer Pause einfach danach.
Doch Lis Antwort lautete: "Wieso sollte es dich was angehen, was ich lese?"
So unfreundlich war er noch nie gewesen.

Jule kümmerte sich nicht weiter darum. Stattdessen befreundete sie sich enger mit Dana und Vanessa, die wirklich nett waren, zumindest zu Jule.

Dann passierte es. Eines Freitags fragte Dana: "Hey, wollen wir uns mal am Wochenende treffen?"
"Gute Idee!", meinte Jule betont locker, innerlich war sie aber total aufgeregt. Sie war noch keine zwei Wochen in dieser Schule und schon wollte sich das beliebteste Mädchen der Klasse mit ihr treffen!
"Wir könnten gemeinsam Hausaufgaben machen und dann einfach, worauf wir Lust haben. Du kannst vielleicht zu mir kommen, allerdings ist meine Schwester heute krank und ich weiß nicht, ob sie bis morgen..."
"Kein Problem! Du kannst gern zu mir kommen!", bot Jule an und wünschte sich im nächsten Moment, sie hätte es nicht gesagt. Denn wenn morgen Samstag war, waren natürlich auch Jules Eltern zu Hause. Und Dana war natürlich gespannt auf Jules Mutter, die angebliche Sängerin...

Die neue Schule 4 - Es wird brenzlig

von Crescent

Am Samstag versuchte Jule alles, damit ihre Mum nicht zu Hause wäre, wenn Dana kam.
Sie log, sie würde dringend einen neuen Hefter für die Schule brauchen und Mum sollte ihn heute besorgen. Zwecklos: Mum meinte, Jule sollte doch selbst losfahren, sobald ihre Freundin wieder gegangen wäre.

Dann klingelte es. Im gleichen Moment musste Mum auf die Toilette, sodass Jule die Zeit nutzte, um Dana schnell zu begrüßen und mit ihr in ihrem Zimmer zu verschwinden.
Die beiden machten gemeinsam Hausaufgaben und unterhielten sich nebenbei. Es war ein sehr schöner Nachmittag, bis auf einmal Mum mit einem Tablett reinkam.
"Ich dachte, ich bringe euch was zu trinken und ein paar Kekse."
So nett das gemeint war, Jule konnte ihre Mutter gerade wirklich nicht brauchen.
"Danke, Mum!", sagte sie schnell und versuchte sie wieder abzuwimmeln, aber Mum beugte sich tatsächlich über das offene Mathebuch und sah nach, was die beiden gerade machten.
"Lineare Funktionen, aha. Kommt ihr gut klar?", erkundigte sie sich.
Bevor Jule etwas sagen konnte, kam Dana ihr zuvor: "Eigentlich nicht so... aber es geht schon."
"Soll ich euch mal helfen?", schlug Mum vor.
Jule wurde heiß und kalt.
"Das wäre sehr nett, vielen Dank!", antwortete Dana.

Mum nahm sich tatsächlich Zeit, Dana und Jule die Hausaufgabenbeispiele zu erklären und Jule musste zugeben, dass sie das ohne Mum nicht so schnell geschafft hätten.
"Dankeschön, Sie haben mir echt geholfen!", bedankte Dana sich.
"Kein Problem, solange ich mich selber auskenne, helfe ich doch gerne. Mathematik ist zwar überhaupt nicht mein Fachgebiet..."

Jetzt wurde es wirklich brenzlig, dachte Jule und überlegte, wie sie das Gespräch unterbrechen konnte. Doch es war zu spät.

Dana sagte: "Ja, Sie machen ja was völlig anderes."
"Das stimmt.", meinte Mama überrascht, dass Dana wusste, was sie beruflich machte ... oder zumindest glaubte, es zu wissen.
Jule hielt die Luft an.
Dana fuhr fort: "Jule hat es mir schon von Ihnen erzählt und ich möchte auch mal dasselbe machen. Aber ich weiß nicht, ob ich dafür gut genug singen kann."
Mama schien daran nichts zu finden.
"Weißt du, ich habe mir die gleichen Sorgen gemacht. Aber es ist nicht so schlimm, wie man denkt und SO gut muss man auch nicht singen können."
Da fiel Jule ein, was ihre Mutter meinte. Wenn man Grundschullehrerin, Kindergärtnerin oder etwas Ähnliches werden wollte, musste man bei der Eignungsprüfung meist auch etwas vorsingen.
Hoffentlich ging das gut!
"Wirklich?", fragte Dana jetzt, verwundert zu hören, dass man als Sängerin nicht so gut singen können musste.
Mama nickte. "Ja, man muss bloß bei einem Kinderlied oder so halbwegs die Töne treffen und nicht völlig schief singen."
"Aber... genügt das wirklich, um professionell...", stotterte Dana.
Mama lachte wieder und antwortete: "Klar! Das ist ja auch nicht das Wichtigste am Beruf. Was willst du denn genau machen? Kindergärtnerin? Ich arbeite ja eigentlich in einer Kita und dort..."
"Ich dachte, Sie sind Sängerin?", rief Dana entsetzt und Jule wäre am liebsten im Erdboden versunken.