Zeitung, in der Geschicht., Gedichte u. Buchtipps sind, diesmal: Geschicht. Nachdenkliches, Gedichte Bunte Mischung

Donnerstag, 17. November 2016
Herausgegeben von Yona

swimming

von Marlene M.

Ich stehe auf dem Block und blicke auf die Bahn im spiegelglatten Wasser vor mir. Voll Vorfreude setze ich meine Schwimmbrille auf, rücke meine Badekappe zurecht und spanne meinen Körper an. Als ich mich mit meinen nackten Füßen vom rauen Block abstoße kommt er, dieser winzige, vertraute Moment des Fliegens während des Startsprungs. Sekundenbruchteile später tauchen meine Fingerspitzen ins kühle Wasser ein, das mich kurz darauf seidig glatt von allen Seiten umschließt. Es ist komisch. Im Wasser habe ich das Gefühl, besser atmen zu können, obwohl ich aus irgendwelchen Gründen keine Kiemen habe. Die ersten Meter unter Wasser zaubern ein Grinsen auf mein vom Chlor gereiztes Gesicht, dann der erste Atemzug, als ich wieder auftauche. Schon hat mein Gehirn auf Autopilot gestellt - ich denke an nichts mehr. Mein Kopf ist erfüllt von den einzelnen Schwimmzügen, ich konzentriere mich auf nichts anderes mehr, lasse alles einfach am Beckenrand zurück. Und es ist wunderbar. Einfach existieren. Einfach schwimmen. Ohne das übliche Gedankenchaos in meinem Gehirn.
Schwimmen.
Atmen.
Schwimmen.
Atmen.
Schwimmen.
Atmen.
Mehr ist im Moment nicht wichtig.
Mehr zählt nicht.
Zig Bahnen später bin ich komplett ausgelaugt, jede einzelne Muskelfaser brennt in meinem Körper und jeder Atemzug wird keuchender, anstrengender. Jetzt kommen die letzten 50 Meter. Ich weiß, das ich das locker schaffe, und doch sträubt sich etwas in mir.
Atmen.
Schwimmen.
Ich schließe für eine Sekunde die Augen.
Mein Körper hält beinahe alles aus. Es sind meine Gedanken, die ich überwinden muss.
Nach der Wende stoße ich mich ab.
Atmen.
Schwimmen.
Atmen.
Schwimmen.
Der Beckenrand ist unmittelbar vor mir. Noch ein letzter Kraulzug, dann berühre ich die Kante.
Eine Welle von Glück überspült meinen Körper. Ich stütze mich am Rand ab und stemme mich hoch, ziehe die Kappe und die Schwimmbrille vom Kopf und grinse breit. Die Abdrücke der Brille auf meinem Gesicht, die chlorgereizte Haut und der verspannte Nacken sind mir egal.
Ich bin glücklich.
Hierfür lohnt es sich, zu leben.
Das hier ist mein Leben.
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Klassenarbeit

von Little_Ballerina

Verhlatenes Räusper
Kratzende Stifte.
Neonröhren
Die Spannung im Raum
Leises Niesen
Starre Konzentration.
Schmierige Tischplatten
Klebrige Hände
Und dann auf einmal
Die Befreiung
Raschelnde Blätter
Murmelnde Gespräche
Sie stürmen hinaus und waschen
Ihre Hände voll mit
Tinte.

Der Drache

von Mira

Da steht es,
das unbesiegbare Getier
jetzt geht es,
mit großen Pranken
durch sein Revier.

Die Erde erzittert,
als ob es gewittert.
Die Menschen flüchten
weil sie sich mehr denn je fürchten.

Leyla steht da,
sie hat keine Angst,
sie streichelt den Drachen
als wär er ein Hengst.

Und Nun schnurrt es,
dieses Wesen, so mächtig
Und die Menschen die staunen,
die staunen ganz prächtig.

Und davon fliegen sie,
davon durch die Lüfte.
Drache und Reiter.
Über Berge und Klüfte.

Über Drache und Reiter
wird vieles bericht´
doch nichts ist die Wahrheit,
Alles nur Gerücht.
Wie ging es nun weiter?
Auch ich weiß es nicht.

Wenn Gegenstände erzählen könnten...

von Zea

Stell dir vor alle Gegenstände wären wie Menschen. Sie könnten alles spüren, hätten Gefühle und könnten sprechen.

Was würde dein Mathebuch dir erzählen?

Würde es dir berichten, dass der Junge, der seinen Namen vorne mit krakeliger Schrift eingetragen hat, wegen Mathematik das Schuljahr wiederholen musste?
Würde es dir sagen, dass das Mädchen, dessen Namen in lila eingetragen ist, immer Zusatzaufgaben bekommen hat, weil Mathe ihr Lieblingsfach war?
Würde es dir mitteilen, dass sich der Junge, der damals in die Klasse 9 ging, über das Mathebuch gefreut hat, als es noch neu War, weil er sonst nur alte Bücher hatte?
Würde es dir erzählen, dass die Schwester des Jungen 6 Jahre später das Mathebuch geklebt hat, weil es schon so alt war?

Es könnte dir sagen, wer Mathe mochte und wer nicht.
Es könnte dir sagen, wer sich das Buch mit dem Banknachbarn geteilt hat und wer es alleine benutzt hat.
Es könnte dir sagen, wer das Buch gut behandelt hat und wer nicht.

Es könnte dir Geschichten über seine Eselsohren, Wasserschäden, lose Seiten und Kritzeleien im Inneren erzählen.

Es könnte sich beklagen, aber tut es nicht.
Es bleibt stumm.
Weil es nicht sprechen kann. Weil es kein Mensch ist.

Genau, wie deine Schulbank.

Auch sie könnte dir von den Schmerzen erzählen, die erlitten hat, wenn jemand etwas in sie hineingeritzt oder etwas auf sie draufgekritzelt hat.
Auch sie könnte dir erzählen, wer täglich an ihr saß und dort gearbeitet hat.
Auch sie könnte sich beklagen, dass man sie auf sie gesetzt hat, sie herumgeräumt hat und Kaugummis auf sie geklebt hat.

Auch sie beklagt sich nicht.
Auch sie bleibt stumm.
Auch sie kann nicht sprechen.

Wenn wir so, wie das Buch oder die Bank leben müssten, würden wir uns beklagen.

Gegenstände sind Gegenstände und Menschen sind Menschen. Daran können wir nichts ändern.
Aber wir können sorgfältig auf die Gegenstände aufpassen.
Wir können das Mathebuch einbinden und die Schulbank ab und zu säubern.

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Ich hoffe, ihr habt verstanden, was ich meine.

Bitte wieder Feedback.

Ich schreibe sehr gerne, wenn ihr wollt, schreibe ich gerne weitere Geschichten.

:) LG, Zea