Quinn & Das Geheimnis von Branbury Beach (1)

von Feuertatze, 15 Jahre


 

*1*

Ich glaube, ich musste noch nie in meinem Leben so dringend auf Toilette. Ich lief seit gefühlt zwanzig Minuten durch dieses Haus, das einfach so viele Flure, Türen und Räume mit Umzugskisten hatte - aber definitiv zu wenig Toiletten.
Ich öffnete eine halb versteckte Tür und endlich, da war das Bad.

Als ich meine Hände wusch, hörte ich vor der Tür eine aufgebrachte Stimme.
“Jenn, ich kann nicht einfach hier abhauen - nein, zur Hölle, ich kann hier heute nicht weg!” Schnell trocknete ich mir die Hände an einem Handtuch ab und trat interessiert näher an die angelehnte Tür. Der Stimme nach war das Finn und obwohl ich der Meinung war, die meisten seiner Freunde zu kennen, sagte mir ‘Jenn’ rein gar nichts. Aber vielleicht war es ja ein Spitzname, den ich nur nicht kannte.

Finn seufzte lauf. “Es geht nicht, Jonas und seine Tochter - ja, Quinn, du weißt schon, ja… die sind heute eingezogen… Ich weiß, wir ja auch.”

Ich linste durch den Türspalt. Finn stand neben einer blau-weißen Ming-Vase oder so, neben der Tür, die zum Hinterausgang des Wintergartens führte, wie ich vorhin rausgefunden hatte. Er telefonierte und als ‘Jenn’ offenbar etwas wichtiges oder sowas sagte, fuhr er sich durch die Haare. Bei genauerem Hinsehen sah es tatsächlich aus, als hätte er das schon mehrmals gemacht und wenn Finn seine geliebten Haare durcheinander brachte… hui. Da musste schon echt was schieflaufen.
“Hör mal, Mom ist total paranoid seit der Sache vorletzte Woche, ich kann das echt nicht nochmal bringen - was?!” Er ließ die Hand sinken, mit der er sich durch die Haare gefahren war und schrie das letzte Wort fast.
“Wie schnell kannst du hier sein?... Bring Chris mit und Sal und … ja... ja, du weißt schon, wo. Und jetzt mach hin!”
Er legte auf und schob sein Handy in die Tasche. Ich stand so leise wie möglich hinter der Tür und wartete darauf, was er jetzt tun würde.
Das klang alles verdammt interessant, vor allem, weil ich mit keinem der genannten Namen etwas anfangen konnte. Und mein Namensgedächtnis war überdurchschnittlich.

Als Finn durch die Tür rechts von ihm ins Treppenhaus lief, zögerte ich nicht lange und lief ihm leise mit genügend Abstand hinterher. Ich war schließlich nicht blöd und hatte genug Krimis gesehen und gelesen, um zu wissen, wie man jemanden beschattete.

Offenbar wollte Finn nach draußen, denn er lief durch den Flur und ich nahm mir meine Fleecejacke vom Treppengeländer. Für nur ein Top war es dann doch ein wenig zu kühl draußen, auch meine Turnschuhe hatte ich innerhalb von wenigen Sekunden angezogen.

Finn lief quer durch den Vorgarten, durchs Eingangstor, folgte der Straße für etwa 400 Meter und lehnte sich dann gegen eine Straßenlaterne. Ich als pflichtbewusste Detektivin war ihm natürlich unauffällig gefolgt und setzte mich nun auf ein Gartenmäuerchen in einer angrenzenden Seitenstraße, sodass ich den Bereich mit der Laterne gut im Blick hatte, er mich hoffentlich aber nicht bemerken würde.

Laut meiner Uhr waren kaum fünf Minuten vergangen, als eine Gestalt in den Lichtkegel der Laterne trat. Ich sah ein ziemlich kleines Mädchen mit roten, kurzen Haaren und dunkler Kleidung, die sich neben Finn an die anstehende Hauswand lehnte. Ich konnte ihre Stimme deutlich hören, als sie sagte: “Hast du ‘ne Ahnung, wieso Jenn so ‘ne Panik schiebt, dass er Status Code 21 ausruft? Den hatten wir nicht mehr, seit Chris damals Blut abgenommen bekommen hat.”
Einen Chris hatte Finn doch vorhin schon erwähnt! So langsam wurde mir das Ganze hier sehr suspekt. Waren die so eine Art Club? Oder eine Sekte? Für meinen Geschmack sah das Mädchen für eine Sekte aber zu harmlos aus und außerdem: Finn und Sekten? Niemals. Ich kramte in meinem Gedächtnis, aber mir wollte auf die Schnelle auch keine Sekte einfallen, die ganz besonders Probleme damit hatte, dass Mitglieder Blut abgenommen kriegten. Was sollte das überhaupt für Probleme verursachen, wenn jemand beim Arzt Blut für Blutwertests abgenommen bekam?
Aber Himmel, ‘Status Code 21’!

Als Finn antwortete, tauchten mindestens fünf neue Fragezeichen in meinem Kopf auf: “Diesmal kein Blutdesaster.”
“Gott sei Dank!”, warf das Mädchen ein, “-das war immerhin eine furchtbare Arbeit, das alles wieder aufzuräumen danach!” Sie lachte auf, verstummte aber, offenbar verunsichert, weil Finn nicht in ihr Lachen einfiel.
Dieser sagte ernst: “Jenn war bei Alice und meinte, der Ausschlag sei über 29 gewesen. Und Liam hat laut Alice wieder was im Norden gehabt.”
Mir drehte sich langsam der Kopf, keiner der Namen sagte mir irgendetwas, aber das Mädchen konnte wohl etwas mit diesem mysteriösen Kram anfangen. Sie sah für einen langen Moment in den Himmel und starrte dann ohne etwas zu sagen, unbeweglich auf den Boden vor ihren Schuhen.
Sie und Finn schwiegen, bis jemand weiteres ins Licht trat. Es war ein großer Junge mit hochgegelten Haaren und - waren das Bikerboots? Er und Finn begrüßten sich mit High-Five; das Mädchen, welches inzwischen wieder hoch geschaut hatte, begrüßte er ebenfalls damit.
Der Junge hatte eine heisere Stimme, als er fragte: “Finn, Foxy, was genau ist los? Jenn hat nur was von Liam und Alice geredet, aber besonders viel Sinn ergeben hat das nicht.”

“Das würde mich allerdings auch interessieren, Sal!”, sagte eine vierte Stimme. Ein Mädchen mit langen, gelockten Haaren trat zu den Drei ins Licht der Laterne und umarmte der Reihe nach flüchtig Sal, Foxy und Finn.
Foxy sagte schließlich: “Lasst uns einfach auf Jenn und Chris warten.”
Sal nickte und das Mädchen mit den langen Haaren kramte in ihrer Jackentasche. Sie förderte eine Schachtel und ein Feuerzeug zutage und reichte die Schachtel herum. Zu meiner Überraschung nahm sich als einziger neben ihr Finn eine Zigarette daraus und stellte damit mein Bild von ihm weiter auf den Kopf. Der Finn, den ich seit über einem Jahr kannte, würde sich nie um 11 Uhr abends aus dem Haus schleichen, sich mit mir völlig Fremden (ich kannte so gut wie alle seine Freunde mittlerweile) treffen und dann auch noch rauchen. Als er und das langhaarige Mädchen sich die Zigaretten anzündeten, fragte ich mich unwillkürlich, wie zur Hölle er den Rauchgeruch aus seinen Klamotten bekam, weil offenbar weder Dad noch Lillian etwas davon wussten, und ich schonmal gar nicht.

Die Gruppe im Lichtkegel der Straßenlampe schwieg und ich kontrollierte meine Uhr. 23.17 Uhr. Himmel, morgen war Schule!

Als schließlich zwei Jungen auftauchten, waren meine Füße beinahe eingeschlafen und Finn und das Mädchen traten ihre fast aufgerauchten Zigaretten mit den Schuhen auf dem Asphalt aus.

Foxy trat zwei Schritte zurück und sprang dem größeren der beiden auf den Rücken. Offenbar hatte er damit gerechnet, denn er hielt sie prompt fest ohne zu schwanken, und der andere begann zu reden: “Gut, dass ihr alle da seid. Leute, wir haben seit heute einen Code 21.”
Den anderen schien ‘Code 21’ allen ein Begriff zu sein, denn sie sahen aufmerksam zu ihm, ohne nachzufragen.
“Vielleicht hat’s Finn schon gesagt, jedenfalls: Ich war vorhin bei Alice und wir haben eigentlich nur Routinemäßig den Test gemacht, schließlich war es in letzter Zeit ziemlich ruhig - zu ruhig, wie es scheint. Der Ausschlag war bei 29 und als wäre das nicht besorgniserregend genug, hat Alice dann auch noch erzählt, Liam hätte gestern im Norden fast 3 mehr gehabt, Lilly im Süden aber nur weiterhin 20.”

Das langhaarige Mädchen warf besorgt klingend ein: “Das heißt, es bewegt sich wieder was? Und dann ausgerechnet da?” Der, der vorher gesprochen hatte und wahrscheinlich Jenn war, angesichts seines Kommandotons, sagte mit ernster Stimme: “Sieht so aus, als hätten wir ein Problem.”
Finn sagte: “Irgendwer ‘ne Idee, warum wir solche Werte kriegen? Hat einer von euch Mist gebaut?” Einhelliges Kopfschütteln, bei sich Sal zu Wort meldete: “Ich hätte zumindest eine Theorie, warum es bei Liam so hochgegangen ist. Für die Werte von Alice aber nicht.”
Das noch namenlose Mädchen sagte sarkastisch: “Schieß los, du Genie.”
“Klappe Sam,”, die Sechs schienen sich gut zu kennen, denn Sam grinste nur so breit, dass es sogar von meinem Standpunkt aus sichtbar war.
“Jedenfalls,”, sagte Sal wieder, “vor ein paar Wochen hatten wir diesen Retourner, der uns so viel Ärger gemacht hat, erinnert ihr euch? Keirran und Alec haben ihn dann schließlich unten erwischt und eventuell… Na ja, was tut ein Retourner, wenn er Zeit und fließendes Wasser zur Verfügung hat?”
Stille, dann sagte Foxy: “Shit. Was für ein bescheuerter Anfängerfehler!”

Jenn sagte bestimmt: “Keine Panik, noch ist es nur eine Vermutung. Okay… Foxy, Chris, ihr redet mit den Fliegenden, ob sie etwas von Schwärmern in letzter Zeit mitgekriegt haben, ganz besonders von brütenden, gut?” Foxy und der Junge, der sie auf dem Rücken hatte, nickten.
“Sal, seh zu, dass wir die Stelle finden, an der Keirran und Alec das Vieh losgeworden sind, melde dich dann bei uns. Du weißt ja, wie man die Stellen erkennt. Wir anderen klappen die gängigen Orte ab, ob jemand was mitgekriegt hat. Sobald du dich meldest, kommen wir.”
Sal verzog das Gesicht. “Wieso kriege ich eigentlich immer den Mistjob?”
Foxy feixte sichtbar. “Tja, blöd gelaufen.”
Jenn wandte sich an Finn. “Du kommst mit den Clubs klar? Dann komm mit Sam und mir in die Stadt. Aber falls du dir das nicht zutraust, dann kannst du auch mit Sal mitgehen.”
Finn antwortete nach einigen Sekunden: “Sorry, Sal, aber keine Sorge, ich kriege das hin.”
Sal klang leidend: “Aww, man, Kumpel!”

Langsam wurde mir das Ganze wirklich unheimlich und ich sprang entschlossen von der Mauer. Mit einem deutlich hörbaren Geräusch traf ich auf den Boden und die Gruppe drehte sich synchron zu mir um.

***

Ich bin mal wieder da und habe direkt etwas für Euch! Ich hoffe wirklich Euch hat es gefallen, hier habe ich mich ein wenig an Mystery gewagt.
Falls Ihr euch auf Quinns Entdeckungsreise, was all diese merkwürdigen Dinge bedeuten, begeben wollt, dann würde ich mich freuen, wenn Ihr mitlest und ab und zu kommentiert, was Ihr davon haltet!
Bis zum nächsten Mal, eure Feuertatze

 

 
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