die fliegenden Träume

von EmmyLee, 13 Jahre


 

Es ist komplett Windstill und so schwül dass sie das Gefühl hat sie könnte die Luft einfach in ein Glas füllen und trinken. Ihre nackten Füße sind ganz dreckig von dem staubigen Boden, doch sie will sich keine Schuhe anziehen. Niemand ist auf den Straßen unterwegs, die Stille schreit so laut das sie sich am liebsten die Ohren zuhalten würde. Die Zeit ist stehengeblieben. Doch dann ein Knall der die Stille vertreibt, gleichzeitig ein Windstoß der schwarze Wolken her weht. Wie Monster bauschen sich die Wolken über ihr auf und sie spürt die kleinen Regentropfen auf ihrer Haut, zuerst wenige dann mehr bis es schüttet. Der Wind weht ihre Haare um ihren Kopf doch sie steht weiter an der gleichen Stelle wo sie schon vorher stand, ihre Kleider sind nass doch sie kann einfach nicht gehen, es ist als ob eine unsichtbare Hand sie festhalten würde und schon die ganze zeit hört sie diese Melodie. Man kann sie nicht hören wenn man versucht sie zu hören, sie ist einfach da im Hintergrund, so leise dass man sie fast nicht hört.

Als der erste Blitz den Himmel erhellt wird die Melodie lauter und Sie kann nicht anders als ihr zu folgen. Sie läuft die menschenleeren Straßen entlang immer begleitet von dem dröhnen des Donners. Sie ignoriert das Seitenstechen dass ihr fast die Luft nimmt sie läuft weiter über Felder bis sie vor einer mächtigen Eiche steht. Sie muss hunderte von Jahren alt sein und sie wirkt irgendwie mächtig, erhaben. Die Melodie ist jetzt deutlich, umhüllt sie und es kommt ihr fast so vor als ob sie sie greifen könnte. Sie geht einen Schritt nach vorn, so dass wenn sie ihre Hand ausstreckt die Eiche berühren könnte. Etwas in ihr sagt ihr sie solle nach Hause gehen, dass es unsinnig ist bei einem Gewitter draußen zu sein. Plötzlich kommt eine so starke Windbö das sie fast umfällt. Sie streckt die Hand aus und spürt die kühle Rinde, doch ihre Hand gleitet durch den Baum hindurch, sie will schreien, doch kein Laut dringt aus ihrer Kehle, stattdessen muss sie immer weiter rein in die Eiche gehen. Es riecht nach Büchern und Sommerabenden, nach Meer, nach Karamell und Zimt.
Sie steht mitten in einem Gang, der vor einer hohen Tür mit kunstvollen Verzierungen endet. Die Tür geht überraschend leicht auf, der Geruch nach Büchern wird stärker und dann ist da wieder diese Melodie die wie ein Lufthauch durch den Gang weht. Sie geht durch die Tür und bleibt wie angewurzelt stehen, so überraschend, so zauberhaft. Sie steht in einer riesigen Halle, die Wände sind sicher zehn Meter oder höher. Und überall sind Bücher. Die Regale reichen längst nicht mehr aus, als sie nach oben schaut sieht sie das die Halle mehrere Stockwerke hat, die ebenfalls mit Büchern vollgestopft sind. „ Gefällt es ihnen Miss?“ Sie erschrickt so sehr, dass sie zusammenzuckt. „ ja.. aber...ähm wo bin ich, was ist das und wer sind sie?“ Sie mustert den kleinen Mann der ihr selbst nur bis zur Schulter geht. Er trägt einen schwarzen Frack passend dazu schwarze Lederschuhe und einen Zylinder der vermutlich eine Glatze verstecken soll, alles im allen sieht er eher wie ein Zirkusdirektor aus als wie ein, ja was war er eigentlich.
„ Oh deine Fragen sind berechtigt also um die einfachste zu beantworten: ich bin Magnus und sozusagen der Wächter über das alles“, er macht eine ausladende Handbewegung, „ das naja wie soll ich es erklären. Das ist ein Ort den blinde sehen können, den Taubstumme hören können, den gelähmte fühlen können. Das ist ein Ort wo du träumen kannst, wo du vergessen kannst, wo du dich erinnern kannst, wo du erkennst wo du dich entspannt und noch so viel mehr, doch wir hier nennen
sie die Bibliothek der fliegenden Träume. „ Aber wenn jeder diesen...äh... Ort finden kann wieso sind hier dann nicht viele Leute?“ fragt sie. „ Jeder könnte hier rein, doch die meisten Menschen fühlen es nicht wenn sie in der nähe sind, sie lassen es nicht zu das etwas fremdes sich in ihr Herz schleicht, auch wenn es noch so gut ist. Sieh dich jetzt ein bisschen um, Stella.“ Sie dreht sich um und fragt sich woher dieser Mann ihren Namen kannte, doch als sie sich wieder umdreht ist da nichts mehr. Erst jetzt bemerkt sie, dass kleine Schmetterlinge aus Papier überall herumfliegen, anmutig tanzen sie in der Luft. die Schmetterlinge sind mit Worten in wunderschöner Schrift verziert. Als sie die Hand ausstreckt landet einer auf ihrer Handfläche, er wiegt fast nichts,seine Augen sind tiefschwarze Tintenkleckse. Sie stutzt als sie ihren Namen auf dem Rücken des Schmetterlings in der kunstvollen Handschrift sieht. Der Schmetterling fliegt auf ihre Schulter. Auch wenn das seltsam ist beschließt sie weiter zu gehen. Die steile Wendeltreppe die sie hinaufgeht, knarzt bei jedem Schritt leise, Als sie oben ist wird sie wie magisch von einem Fenster angezogen, als sie rausschaut sieht sie Sonnenblumengelbe Hügel, in der Ferne das Meer. Manchmal wird das Sonnenblumengelb durch ein paar rote Kleckse unterbrochen, der Himmel ist ein blau und oranges Farbgengemisch, die wenigen Wolken sehen aus wie rosa Zuckerwatte, alles ist in ein warmes Licht getaucht. Stella kann sich kaum von dieser Schönheit losreißen doch dann entdeckt sie einen Stuhl, doch es war kein gewöhnlicher Stuhl, nein der Stuhl war mit Gras überzogen, so dass er wie ein Stück Wiese aussah. Sie kann nicht widerstehen und setzt sich auf den Stuhl. Stella bemerkt zwei kleine Knöpfe, sie sehen aus wie Gänseblümchen. Als sie den ersten drückt wird ihre Lehne nach hinten geklappt, sodass es jetzt eher ein Bett als ein Stuhl ist es fühlt sich wirklich wie echtes Gras an. Als sie den zweiten Knopf drückt verschwinden plötzlich Decke, Wände und Boden, auf einmal befindet sie sich im Gras umgeben von Sonnenblumen, zwischendrin rote Mohnblumen, der Himmel ist orange blau, die Wolken rosarot. Sie ist in dieser Landschaft, doch wie? Sie steht auf, ja sie ist in dieser Landschaft, doch mit ihr sind auch die Bücher mitgereist die in ihrer unmittelbaren Nähe waren. „ Hallo!“ rief sie, ein paar Sekunden ist alles still, doch dann hört sie Schritte hinter sich. Als sie sich umdreht ist da ein Mädchen, ihre langen dunkelbraunen Haare schimmern im Licht der untergehenden Sonne und ihre grünen Augen sind von goldenen Sprenkeln durchzogen. Sie trägt ein weißes Sommerkleid, dass um sie weht, sie ist barfuß. „ Wer bist du?“ fragt Stella.
Das Mädchen lächelt: „ Ich heiße Loreley, nenne mich doch Lo, und du?“
„Stella, du weißt nicht zufällig wo ich bin?“ hoffnungsvoll wartet sie auf ihre Antwort.
„ Du bist in deiner Wunschlandschaft, besser gesagt in deinem Paradies, noch besser gesagt dein Paradies im Rohbau, sondern nur deine Grundbasis.“
„ Und was machst du dann hier?“
„ Mein Paradies sieht genauso aus. Falls du dich fragst wann du zurückkommen wirst, bald, das hält nie lange an, also solltest du die Zeit nutzten die Gegend zu erkunden, in der nächsten Sekunde könntest du schon wieder weg sein.“
Sie steht ziemlich verdattert da, weshalb Loreley lacht und sie bei der Hand nimmt.
„ Komm schon, wir gehen jetzt baden.“ ruft sie und zerrt Stella Richtung Meer, besser gesagt sie rennt, Stella bleibt nichts anderes übrig als ihr zu folgen. Zusammen rennen sie durch die Sonnenblumenfelder und Stella hat so ein herrliches Kribbeln im Bauch, sie ist sich sicher, dass sich so Glück anfühlen muss. Als sie Am Meer ankommen rennen sie einfach weiter hinein in die tosenden Wellen, hinein ins Aquamarinblaue Meer, das sie umhüllt wie ein Seidentuch. Stella kann nicht anders und lacht, sie lacht, einfach so weil das alles so unwirklich ist und zugleich hat sie noch nie so etwas wirkliches erlebt, sie lacht weil sie Loreley erst seit ein paar Minuten kennt und doch kommt es ihr wie eine Ewigkeit vor, sie lacht vor Glück. Loreley stimmt mit ein. Erst als ihre Lippen violett sind und sie vor Kälte zittern, gehen sie aus dem Wasser und lassen sich ins grüne Gras fallen, die Sonne ist nicht untergegangen und wärmt sie. Sie kann den Sommer riechen. Gerade als sie sich umdrehen will um Loreley nach ihrer Adresse zu fragen verschwindet die Landschaft und sie sitzt wieder in dem Stuhl.
„ Nein, noch nicht.“ flüstert sie.
„Doch“ sagt eine Stimme hinter ihr.
Sie dreht sich um und sieht Magnus hinter sich stehen.
„ Deine zeit ist um,du hast an ein „Nachher“ gedacht. Doch es wird kein nachher mit Loreley,der Landschaft oder der Bibliothek der fliegenden Träume geben.Doch es wird auch kein Nachher ohne Loreley,der Landschaft und der Bibliothek der fliegenden Träume geben, denn das alles lebt in deinen Erinnerungen.“
Er schnippt mit den Fingern und alles wird schwarz.

Sie liegt im noch feuchten Gras, die schwarzen Wolken ziehen weiter. Das Gewitter ist vorüber.
„War das echt?“fragt sie sich.
Statt einer Antwort flattert ein kleiner Papierschmetterling auf ihre Schultern.
Auf ihm steht in wundervoller Handschrift:Stella.Träumerin

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Liebe EmmyLee,
ich bin ganz begeistert von deiner außerordentlich kreativen Geschichte.

Du hast die drei Begriffe prima in den Text eingefügt. Von Anfang bis Ende hast du die Charaktere und das Setting (die Umgebung) so bildhaft beschrieben, dass ich mich sehr gut in Stella und ihre Fantasiewelt hineinversetzen konnte. Die Einleitung und der Schluss rahmen den Hauptteil schön ein, sodass deine Geschichte sehr gut durchdacht und vollendet wirkt.

Meine Lieblingsstelle ist die Antwort von Magnus, als er sagt „Deine Zeit ist um, du hast an ein ´Nachher´ gedacht“. Das Thema Zeit und vor allem Zeit genießen ist total wichtig und ganz viele Kinder und Erwachsene vergessen das manchmal im Alltagsstress. Das hast du gut erkannt! Die Geschichte regt also zum Nachdenken an, ist trotzdem sehr spannend und geheimnisvoll.

Ich bin an zwei Stellen ein bisschen im Text gestolpert, nämlich bei den Füllwörtern „besser gesagt“ und „noch besser gesagt“. Vielleicht könntest du versuchen, sie beim nächsten Mal einfach wegzulassen oder andere Worte dafür zu finden. Deine tollen Beschreibungen haben diese Füllwörter nämlich gar nicht nötig. In den Kommentaren wurde dir ja der Tipp gegeben, manchmal etwas mehr auf den Satzbau zu achten. Traue dich also ruhig kurze Hauptsätze zu schreiben oder mehr Kommata zu verwenden – damit lässt du den Lesern Zeit, eine kleine Pause im Kopf zu machen. Dann kann deine fantasievolle Geschichte noch besser wirken! ;)

Ich kann mich den Kommentaren und Bewertungen der Kidsviller nur anschließen, alles in allem formidabel! Ich freue mich schon auf die Fortsetzungen und andere kreative Ideen von dir.

Vielen Dank & Liebe Grüße
deine Formi

 

 
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